München-Neuperlach - Großwohnsiedlung

Deutschland - Stadtentwicklung

978-3-14-100700-8 | Seite 71 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 15.000
München-Neuperlach | Großwohnsiedlung | Deutschland - Stadtentwicklung | Karte 71/3

Informationen

Vor dem Hintergrund von hohen Zuwanderungsgewinnen und Wohnraumbedarf beschloss der Stadtrat der Landeshauptstadt München im Jahr 1960 den "Gesamtplan zur Behebung der Wohnungsnot in München". Darin wurde der sechs Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernte Standort Neuperlach am südöstlichen Stadtrand als erste von insgesamt drei geplanten Entlastungsstädten von der Kommune, dem Bund und dem gemeinnützigem Träger "Neue Heimat" gemeinsam konzipiert. Diese Satellitenstädte sollten neben neuem Wohnraum auch Arbeitsplätze und wichtige Versorgungsfunktionen erhalten. Als 1967 mit dem Bau begonnen wurde, waren die Pläne stark durch das damalige städtebauliche Leitbild der Funktionstrennung geprägt, das bereits 1941 in der "Charta von Athen" von Le Corbusier veröffentlicht worden war, aber erst ab den 1960er-Jahren auch in Deutschland an Einfluss gewann. Mit 55 000 Einwohnern und 22 700 Wohnungen ist Neuperlach derzeit die größte westdeutsche Großwohnsiedlung. Es grenzt im Westen unmittelbar an den dörflich geprägten Ortsteil Altperlach, dessen unter Ensembleschutz gestellter Dorfkern im auffälligen städtebaulichen Kontrast zur Struktur der Großwohnsiedlung steht.

Arbeitsplätze und Infrastruktur
Neuperlach sollte von Beginn an keine Schlafstadt werden, sondern eine Vielzahl von wohnortnahen Arbeitsmöglichkeiten bieten. Heute ist der Stadtteil ein wichtiger Verwaltungsstandort von Unternehmen vor allem aus den Bereichen des Versicherungswesens und der Hightechbranche: Der größte Arbeitgeber ist das Forschungs- und Entwicklungszentrum der Siemens AG. In der Nähe ihres Großkunden haben sich eine Reihe kleinerer Softwareanbieter niedergelassen. Weitere wichtige Arbeitgeber sind die Landesversicherungsanstalt, private Versicherungen sowie die Verwaltung der Wacker-Chemie in Neuperlach Mitte.
Wie die meisten Großwohnsiedlungen wurde Neuperlach mit einer kompletten sozialen Infrastruktur konzipiert, die sowohl Schulen und Kindergärten als auch Arztpraxen und Geschäfte umfasste. Dies zeigen die kleinen Ladenzentren in den einzelnen Bauabschnitten, die eine Grundversorgung bei kurzen Wegen garantieren sollen. Allerdings haben viele dieser Geschäfte existenzielle Probleme durch die Konkurrenz der Perlacher-Einkaufspassagen (PEP), einem großen, gut zu erreichenden Shoppingcenter in Neuperlach-Mitte. Das PEP wurde 1981 eröffnet und hat eine Verkaufsfläche von 50 000 m² auf drei Ebenen. Mit rund 120 Fachgeschäften, einem SB-Warenhaus, Restaurants, Cafes, Diskothek, Tanzschule, Theater und verschiedenen Dienstleistungsunternehmen erfüllt es überörtliche Versorgungsfunktionen. Durch den U-Bahnanschluss und zahlreiche Busanschlüsse ist das PEP zugleich Verkehrsknotenpunkt des Stadtteils und Zentrum des öffentlichen Lebens, das nach Ladenschluss allerdings schnell abflaut. Vielfältige kulturelle Angebote und Restaurants sind auch in der Münchener Großwohnsiedlung Mangelware. Mit dem 50 Hektar großen Ostpark und dem Michaelibad sind allerdings zahlreiche Freizeitmöglichkeiten im unmittelbaren Wohnumfeld erreichbar.

Wohnen und Sozialstruktur
Neuperlach wurde als Wohngebiet für die mittleren Schichten konzipiert. Rund 59 Prozent der Wohneinheiten sind Mietwohnungen, 32 Prozent Eigentumswohnungen; der Rest Wohnheimplätze und Eigenheime. Insgesamt werden knapp die Hälfte (46 Prozent) aller Wohneinheiten öffentlich gefördert. Wie für alle Großwohnanlagen typisch, war auch für Neuperlach zunächst ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Familien mit Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen. Nicht zuletzt durch den natürlichen Alterungsprozess sind in den älteren Siedlungsteilen mittlerweile ältere Jahrgänge überrepräsentiert.
Der Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach, in dem Neuperlach liegt, gehört zu den drei ärmsten Stadtbezirken Münchens. Die Sozialindikatoren Armutsdichte, Bezug von Wohngeld und laufende Hilfe zum Lebensunterhalt weisen im gesamtstädtischen Vergleich sehr hohe Werte auf. Auch der Anteil der Haushalte mit Kindern liegt mit 21 Prozent (2004) deutlich über dem Münchener Durchschnitt von 16 Prozent. Der Ausländeranteil erreicht mit 26 Prozent einen erhöhten Wert (München 2004: 23 Prozent). Diese Zahlen geben Hinweise auf sozialräumliche Differenzierungen und Segregationstendenzen innerhalb des Münchener Stadtgebiets.
Allerdings zeigen sich auch kleinräumig deutliche soziale Unterschiede innerhalb des Stadtteils, die sich vor allem an den unterschiedlichen Bau- und Eigentumsstrukturen in der Großwohnsiedlung zeigen. So liegt beispielsweise im Siedlungsteil Neuperlach-Mitte der Anteil öffentlich geförderter Wohnungen bei 89 Prozent. In diesem Teil leben häufiger ältere, alleinstehende Menschen, aber auch Empfängerhaushalte von Transferleistungen. In Neuperlach Süd II wurden dagegen rund 75 Prozent aller Wohneinheiten als Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser errichtet. Hier dominieren Familien der mittleren bis oberen Einkommensschichten.
K. Wiest

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