Kolumbien - schwache Staatlichkeit

Kolumbien/Venezuela

978-3-14-100700-8 | Seite 211 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 6.000.000
Kolumbien | schwache Staatlichkeit | Kolumbien/Venezuela | Karte 211/1

Informationen

Die Karte zeigt die "Herrschaftsbereiche" der Guerilla-Organisationen und der paramilitärischen Einheiten im nördlichen Kolumbien. Diese Bereiche unterliegen hinsichtlich ihrer Ausdehnung dauernden Schwankungen, die von der Intensität der Auseinandersetzungen mit dem Militär und zwischen den einzelnen Gruppen abhängen.

Rückzugsgebiete der Guerillas
Mit der Duldung des linkspopulistischen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, dem enge Beziehungen zur Führungsspitze der FARC nachgesagt werden, konnte diese Guerilla-Organisation Rückzugsgebiete in den Grenzprovinzen Venezuelas aufbauen, so in Zulia, Táchira, Barinas und vor allem Apure nördlich des Arauca-Flusses. Zu den kriminellen Aktivitäten der FARC zählt die Erpressung von Besitzern großer Weidewirtschaftsbetriebe, die nicht unbedingt zu den politischen Freunden von Chávez gehören, seit 1999 eine Landreform beschlossen wurde, die 2005 durch ein Dekret über die Enteignung und Umverteilung von Großgrundbesitz präzisiert wurde.
Die über 2200 Kilometer lange, schwer zu kontrollierende Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela wird von Guerilla- und paramilitärischen Gruppen nicht nur zum Drogen- und Waffenschmuggel benutzt, sondern seit einigen Jahren auch zum lohnenden Kraftstoffschmuggel: Ende Oktober 2007 kostete ein Liter Superbenzin in Kolumbien umgerechnet 0,66 Euro, in Venezuela hingegen nur 0,04 Euro. Aber auch Vertriebene und Flüchtlinge (desplazados) aus den Gebieten, die sowohl vom Militär als auch von Paramilitärs und der Guerilla umkämpft werden, nutzen die kaum kontrollierbare Grenze zum illegalen Übergang nach Venezuela, wo mehr als 1 Mio. Kolumbianer/-innen leben, die Hälfte davon nahe der Grenze.

Die Guerilla-Organisationen: FARC, ELN und EPL
In Kolumbien operieren derzeit drei Guerilla-Organisationen, von denen die kleinste, das "Volksheer der Befreiung" (Ejército Popular de Liberación, EPL), mit rund 500 bis 700 Kämpfern (2004) von untergeordneter Bedeutung ist. Ungleich wichtiger sind die beiden großen Guerilla-Gruppen.
Die vor über 40 Jahren entstandenen, ursprünglich marxistisch-maoistisch orientierten "Bewaffneten revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombía, FARC) werden von ihrem inzwischen fast legendären Gründer und Führer Manuel Marulanda alias Tirofijo ("sicherer Schuss") angeführt. Hauptziel der FARC war zunächst die Besserung der Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung durch eine "revolutionäre Agrarreform". Nach deren Scheitern begann sie Anfang der 1980er-Jahre mit einer offensiveren Strategie gegen den Staat, vor allem in ländlichen Regionen, die sie zu großen Teilen — auch in Auseinandersetzungen mit der Drogenmafia — unter ihre Kontrolle brachte. 1982 gab sich die FARC den Namenszusatz Ejército Popular (Volksheer). Um die Mitte der 1980er-Jahre erreichte sie eine personelle Stärke von rund 15 000 Kämpfern. Nach starken Verlusten um die Jahrtausendwende gegen besser ausgerüstete Militär-Spezialeinheiten erstarkte die FARC seit 2004 wieder und dürfte heute mit 25 000 bis 28 000 Angehörigen in fast der Hälfte der etwa 1115 municipios (Großgemeinden) präsent sein. Organisiert ist sie in über 65 regionalen Kampfgruppen, den "frentes" (Fronten), im ländlichen Raum und in mittlerweile zehn bis zwölf in den Großstädten.
Das sich auf Konzepte von Che Guevara berufende "Nationale Befreiungsheer" (Ejército de Liberación Nacional, ELN), die zweitgrößte Guerilla-Organisation mit 4000 bis 5000 Kombattanten, entstand Mitte der 1960er-Jahre aus der studentischen Protestbewegung vor allem in Städten und gilt bis heute als die "intellektuellere" Guerilla. Sie hatte ihre Präsenzschwerpunkte im Nordosten des Landes, am mittleren Río Magdalena und in den Erdölfördergebieten der Llanos Orientales, gerade auch im Departamento Arauca. Durch heftige Auseinandersetzungen mit paramilitärischen Einheiten und gezielte Heeresaktionen, vor allem in Nordkolumbien, sind ihre Hoheitsgebiete eingeschränkt. Heute gilt die ELN als "angeschlagen", was sich auch in ihrer größeren Gesprächsbereitschaft gegenüber der kolumbianischen Regierung äußert.
Gemeinsam ist beiden Guerilla-Organisationen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, dass die Oberkommandos kaum noch eine Kontrolle über die Entscheidungen der Kommandanten der regional-peripher operierenden "frentes" haben, die oft ihre eigenen strategischen und finanziellen Interessen verfolgen. Entsprechend haben sich die Intentionen ihrer Mitglieder gewandelt: Für sie stehen die finanziellen Aspekte in Form von Sold oder Prämien im Vordergrund. Es handelt sich daher kaum noch um ideologisch motivierte Bewegungen, sondern um Söldnereinheiten, die illegale Geschäfte wie den Drogenhandel und terroristische Maßnahmen wie Anschläge, Attentate, Morde, Entführungen oder Erpressungen durchführen, um ihre finanzielle Basis zu sichern und auszubauen.
G. Mertins

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