Karlsruhe - Barocke Stadtanlage

Deutschland - Historische Stadtentwicklung

978-3-14-100803-6 | Seite 74 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 25.000
Karlsruhe | Barocke Stadtanlage | Deutschland - Historische Stadtentwicklung | Karte 74/3

Überblick

Karlsruhe ist eines der prominentesten Beispiele einer planmäßigen Stadtneugründung durch absolutistische Herrscher in Deutschland und in seiner Anlage prototypisch.

Der fächerartige, an die Strahlen einer Sonne erinnernde Grundriss stellt das Schloss in den Mittelpunkt der Stadt. Radialstraßen laufen auf das Schloss zu. Dies ist als Symbol für den Absolutheitsanspruch des fürstlichen Territorialherrschers, Stadtgründers und Namensgebers, Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach, zu interpretieren. Allerdings räumte der Stadtgründer den Bewohnern Karlsruhes eine Reihe von Privilegien ein, die für die damalige Zeit nicht selbstverständlich waren und als Elemente einer liberalen Staatsauffassung gedeutet werden können, zum Beispiel Religionsfreiheit, Verzicht auf Leibeigenschaft und Frondienste sowie ein Anhörungsrecht für die Bürger. Die Einwohner der Residenzstadt mussten sich aber mit ihren Bauten an die Vorgaben des Stadtgründers halten und über ein gewisses Vermögen verfügen, was in der Praxis den Zugang auf Wohlhabende beschränkte. Bedienstete, Handwerker und Tagelöhner – also die Arbeitskräfte der damaligen Zeit – lebten zunächst außerhalb von „Carols-Ruhe“ in Klein-Karlsruhe, im sogenannten Dörfle (s. Karte; Stadtviertel um die heutige nördliche Fritz-Erler-Straße). Dessen Erscheinungsbild stand mit seinem unregelmäßigen Straßengrundriss und den einfachen Hütten in starkem Gegensatz zur nahen Residenzstadt. 1812 wurde Klein-Karlsruhe eingemeindet.

Das Gebiet der eigentlichen Residenzstadt südlich des Schlosses wurde durch die Radialstraßen sowie Ringstraßen (mit dem Schloss als Mittelpunkt) und die Kaiserstraße in Blöcke gegliedert, an deren Rändern repräsentative Bauten in einem einheitlichen Stil errichtet wurden. Das Innere der Blöcke blieb zunächst unbebaut. Eine Stadtmauer, wie noch bei den mittelalterlichen Städten üblich, oder Befestigungsanlagen (s. Regensburg, Dresden, Münster) gab es nicht. Zwischen der Stadt und dem Schloss lag der aufwendig gestaltete Lustgarten. Nördlich des Schlosses erstreckte sich der weitläufige Schlossgarten, der in die Landschaft der Umgebung überging. Dort lagen auch Einrichtungen wie die Menagerie und die Fasanerie (Tierhaltung in Gehegen) oder Jagdanlagen, die dem Vergnügen des Adels dienten.

Mit dem Bau des Schlosses wurde 1715 begonnen. Ab 1718 war es Residenz der Markgrafen von Baden-Durlach, ab 1771 der Markgrafen von Baden und von 1806 bis 1918 Sitz der badischen Großherzöge. Nach deren Abdankung wurde 1919 im Schloss das Badische Landesmuseum eingerichtet; diese Funktion hat das Gebäude bis heute.

Um das Jahr 1720 lebten rund 500 Menschen in Karlsruhe, weitere etwa 2000 Menschen in Klein-Karlsruhe. Bis 1815 war die Bevölkerungszahl auf 15 000 gestiegen. Im Jahr 1901 wurde die Schwelle von 100 000 Einwohnern überschritten.

Karlsruhe heute

Heute hat Karlsruhe knapp 300 000 Einwohner. Trotz des Verlusts der Hauptstadtfunktion Badens, das nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in das neu gegründete Land Baden-Württemberg einging, ist Karlsruhe heute eine moderne Dienstleistungsstadt. Die Karte zeigt unterschiedliche Branchenschwerpunkte:

• Zunächst fallen die ausgedehnten Flächen auf, die von Hochschulen genutzt werden. Der Vorläufer der Universität (heute: Karlsruher Institut für Technologie) war 1825 von Großherzog Ludwig I. gegründet worden. Allein dort sind 25 000 Studenten immatrikuliert, in ganz Karlsruhe sind es mehr als 42 000. Neben den insgesamt neun Hochschulen gibt es mehrere bedeutende außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, sodass Karlsruhe heute eine Wissenschaftsstadt von internationaler Bedeutung ist. Die Hochschulen sind Karlsruhes bedeutendster Arbeitgeber.

• Karlsruhe ist Standort der beiden obersten Gerichte Deutschlands, des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs.

• Die Innenstadt ist ein Einkaufszentrum. Die Einzelhandelsstandorte konzentrieren sich auf den Bereich zwischen der Kaiserstraße (Fußgängerzone) und der Kriegs- bzw. Kapellenstr. Neben Einzelläden gibt es auch Passagen als Großstandorte.

• Die Landesbank Baden-Württemberg unterhält in Karlsruhe einen ihrer Hauptsitze.

• Das Regierungspräsidium ist Verwaltungszentrum des Regierungsbezirks Karlsruhe (s. 83.9).

• Einrichtungen wie die Kunsthalle und das Badische Staatstheater machen Karlsruhe zu einem Anziehungspunkt für Touristen. Einige der Einrichtungen gehen auf Gründungen der badischen Großherzöge zurück und sind im Zusammenhang mit der Residenzstadt zu sehen.

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