Italien 1748

Italien – Nationalstaatsbildung

978-3-14-100782-4 | Seite 50 | Abb. 1
Italien 1748 |  | Italien – Nationalstaatsbildung | Karte 50/1

Informationen

Die Karte zeigt die territorialen Verhältnisse auf der Apenninenhalbinsel und den angrenzenden Regionen sowie den Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien nach dem Aachener Frieden 1748. Der Friedensschluss markiert den Beginn einer bis 1792 andauernden Friedensphase und das Ende einer fast drei Jahrhunderte andauernden Auseinandersetzung um Italien, die sich immer wieder in großen europäischen Kontexten bewegte.

Zwischen Frankreich, Spanien und Österreich
Hauptakteure waren neben den italienischen Staaten Frankreich, Spanien und das deutsche mittelalterliche Kaiserreich. Frankreich hatte schon seit dem 13. Jahrhundert mit wenig Erfolg gegen den traditionell starken Einfluss der deutschen Kaiser in Italien gekämpft – seit Karl dem Großen an Weihnachten 800 war Rom die Krönungsstätte der deutschen Kaiser und die Apenninen gehörten zum Reich. Unter den Habsburgern schwand der Einfluss des deutschen Kaiserreichs in Italien. Die italienischen Staaten erstarkten. Mailand, Venedig und Florenz sowie Neapel und der Kirchenstaat stiegen im 15. Jahrhundert zu den beherrschenden Akteuren auf. Als bedeutendes Agrarland mit reichen Städten und als wichtiges Sprungbrett für den Asienhandel wurde Italien ab dem Ende des 15. Jahrhunderts Ziel französischer Interventionen. Zur gleichen Zeit erlebte die Macht der Habsburger einen neuen Aufschwung, der schließlich mit Karl V. (1519–55) seinen Zenit erreichte: Der deutsche Kaiser war als Karl I. in Personalunion König von Spanien mit seinen reichen Besitztümern in Europa und dem gerade entdeckten Amerika. Franz I. von Frankreich (1515–47) führte vier Kriege in Italien, musste aber nach anfänglichen Erfolgen 1529 im Damenfrieden von Cambrai zugunsten der spanischen Habsburger auf Neapel und Sizilien verzichten. Damit erreichte der Einfluss der ebenfalls über Sardinien und Mailand herrschenden Habsburger einen Höhepunkt.

Bourbon übernimmt die Herrschaft
Mit dem Tod Karls II. 1700 starben die Habsburger in Spanien aus. Mithilfe Frankreichs kam mit Philipp V. ein Bourbone auf den Thron. Der Streit um die spanischen Erblande in Italien und den Niederlanden führte in den Spanischen Erbfolgekrieg, den die österreichischen Habsburger für sich entschieden. Der Friede von Rastatt 1714 sicherte ihnen die Herrschaft über Neapel, Sardinien, Mailand und Mantua. Das Haus Savoyen, eine Adelsfamilie aus Ostfrankreich, erhielt Sizilien, tauschte die Insel aber 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien ein – und proklamierte das Königreich Savoyen.
Es bedurfte zwei weiterer europäischer Kriege, um den auf der Karte gezeigten Zustand herbeizuführen: Im Polnischen Erbfolgekrieg (1733–38) unterstützten die Spanier nachhaltig Frankreich im Kampf gegen Österreich und erhielten dafür 1735 Sizilien und Neapel. Als Ausgleich erhielten die Habsburger Parma und Piacenza. Zusätzlich wurde ihr Besitz der Toskana von Spanien bestätigt. Lediglich die toskanischen Festungs- und Hafenstädte des Stato dei Presidi (acht kleinere Städte sowie Elba) blieben unter neapolitanischer Herrschaft und damit bourbonisch. Der Aachener Frieden von 1748 wiederum beendete den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–48). Habsburg musste Parma, Piacenza und Guastalla an die Bourbonen und Teile der Lombardei an das Königreich Sardinien abtreten.

Beginn einer Friedenszeit
Damit waren die spanischen Bourbonen mit dem Hauptbesitz der Königreiche Sizilien und Neapel zur territorial stärksten Macht in Italien aufgestiegen. Das Königreich Sardinien mit dem Piemont war die stärkste italienische Macht – die Dynastie war bereits 1563 von Ostfrankreich nach Turin umgezogen. Die Republik Venedig hatte den Zenit überschritten und ihren Besitz im östlichen Mittelmeer (darunter Kreta) an die Osmanen verloren. Das venezianische Gebiet war seit dem 14. Jahrhundert durch einen engen Korridor zerschnitten, der zu Österreich gehörte und dem Habsburgerreich über Triest Zugang zum Mittelmeer gewährte. Genuas Einfluss schrumpfte immer mehr zugunsten des aufsteigenden Königreichs Sardinien, an das es im Piemont grenzte. 1768 musste es Korsika wegen Geldnot an Frankreich verkaufen. Die habsburgischen Besitztümer waren auf Norditalien und die Toskana beschränkt, mit Mailand besaßen sie aber eine der bedeutendsten Städte Italiens. Der Kirchenstaat schließlich, dessen Gebiet sich über weite Teile Mittel- und Nordostitaliens erstreckte, war flächenmäßig nach dem Königreich Neapel der größte Einzelstaat, aber längst ohne politische, wirtschaftliche und militärische Macht.
Die 1748 einsetzende Friedenszeit brachte Italien einen wirtschaftlichen Aufschwung, der vor allem in den italienischen Städten spürbar war und das Heranwachsen eines politisch engagierten Bürgertums mit begünstigte – und damit die italienische Nationalbewegung mit begründete.

Michael Venhoff