Istanbul - Erdbebengefährdete Megastadt

Türkei - Brücke zwischen Europa und Asien

978-3-14-100800-5 | Seite 140 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 500.000
Istanbul | Erdbebengefährdete Megastadt | Türkei - Brücke zwischen Europa und Asien | Karte 140/2

Überblick

Istanbul ist mit rund 15 Mio. Einwohnern nach Moskau und vor Paris, London sowie Rhein-Ruhr die zweitgrößte Metropolregion Europas. Der Bosporus, eine nur maximal 2,5 Kilometer breite Meerenge, bildet die Grenze zwischen Europa und Asien, sodass Istanbul auf zwei Kontinenten liegt. Die besondere Lage auf einer nur rund 30 Kilometer breiten Landenge am Kreuzungspunkt der Schifffahrtsroute Schwarzes Meer – Mittelmeer und des Landwegs zwischen Westasien und Europa hat die 2600-jährige wechselvolle Geschichte der Stadt wesentlich beeinflusst. Heute ist Istanbul die größte Stadt der Türkei und ihr wirtschaftliches Zentrum – mit kontinentaler Ausstrahlung (s. 98.1). Istanbul ist in jüngster Zeit ungeachtet der teils schwierigen naturräumlichen Bedingungen stark gewachsen und entwickelt sich sehr dynamisch.

Geologische Strukturen und Erdbeben

Die geologischen Verhältnisse im Raum Istanbul lassen sich mithilfe von weiteren Atlaskarten erfassen. In der Region verzahnt sich das ältere Massive derRhodopen mit jungen Gebirgen der alpidischen Orogenese (s. 88.2). Durch das Gebiet verläuft eine Transformstörung, also eine Störungszone mit Horizontalverschiebung, an der sich die Anatolische Platte westwärts an der Eurasischen Platte vorbei bewegt (s. 242.2). Die Karte zeigt den Verlauf der Störungslinien durch das Marmarameer, nur wenige Kilometer vor Istanbul.

Senkrecht zum Meeresboden verlaufen Störungsflächen in Richtung des Erdinneren. Daran reiben sich die Platten, sie üben Druck aufeinander aus und verhaken sich ineinander. Eine gleichmäßige horizontale Bewegung kann sich im Bereich der starren Erdkruste so nicht ausbilden. Stattdessen entstehen Spannungen, die sich schlagartig in Erdbeben lösen.

Starke Erdbeben mit großen Zerstörungen gab es im Raum Istanbul zum Beispiel in den Jahren 1509, 1766 und 1894; teilweise kam es auch zu verheerendenFlutwellen. In der Region sind sehr schwere Erdbeben u. a. für die Jahre 1928, 1944 und 1970 belegt (s. 88.2).

Vor diesem Hintergrund wird das Risiko für ein sehr starkes Erdbeben in Istanbul als hoch eingeschätzt (Magnitude bis zu 7,4; Eintrittswahrscheinlichkeit 30 Prozent innerhalb der nächsten 30 Jahren. Es gibt zwar eine seismische Überwachung (s. Karte), aber bei Erdbebenereignissen ist keine Vorwarnzeit möglich. Für das Risiko eines starken Erdbebens in naher Zukunft spricht auch, dass eine Westwanderung der Herde schwerer Erdbeben von Anatolien aus zu beobachten ist und dass es im Raum Istanbul seit mehr als 100 Jahren kein schweres Erdbeben mehr gab.

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Stadtentwicklung und Schadensrisiken

Der Kartenausschnitt zeigt im Wesentlichen das Stadtgebiet Istanbuls, mit 5461 Quadratkilometern ist es etwa ein Drittel so groß wie Thüringen; lediglich das Gebiet im Südosten um Gebze gehört zur Nachbarprovinz Kocaeli. Neben bebauten Flächen umfasst das Stadtgebiet auch Ackerland und Wälder.

Die Bevölkerung Istanbuls entspricht gut dem Zehnfachen von München. Sie ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Erst in den 1950er-Jahren zurMillionenstadt geworden, hatte Istanbul im Jahr 2000 rund 9 Mio. Einwohner, 2008 rund 12,6 Mio. und 2014 knapp 14,4 Mio. Der Bevölkerungszuwachs ist auf drei Faktoren zurückzuführen: das natürliche Bevölkerungswachstum, die hohe Zuwanderung und die Erweiterung des Stadtgebiets durch Eingemeindungen. Die Wachstumsraten verlangsamen sich gegenwärtig (2006: +2,5 % zum Vorjahr, 2014: +1,5 %).

Das Bevölkerungswachstum spiegelt sich in der Ausweitung der bebauten Flächen (s. Karte), die häufig mit dem Abriss ganzer Stadtviertel, Zwangsumsiedlung oder Verdrängung der ansässigen Bevölkerung einhergeht. Viele Zuwanderer kommen zunächst in ungeplanten Siedlungen unter, die später legalisiert werden. Trotz aufwendiger städtebaulicher und infrastruktureller Projekte verläuft das Wachstum in der Metropolregion vielerorts ungesteuert. Nach Schätzungen wurden rund 85 Prozent der neueren Gebäude in Istanbul ohne Baugenehmigung errichtet.

Das Stadtzentrum zeigt heute Gegensätze auf engem Raum. Historische Stadtviertel mit Baudenkmälern, die den Eindruck einer orientalischen Stadt vermitteln, stehen neben modernen Bürohochhäusern aus Glas und Beton. Wegen der Erdbebengefahr werden gegenwärtig verstärkt öffentliche Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser erdbebensicher gemacht. Die Sicherheitsanforderungen für Neubauten wurden auf ein Niveau vergleichbar Kalifornien und Japan angehoben. Allerdings ist es praktisch unmöglich, den Standard bei den zahlreichen bestehenden Bauten auf dieses Niveau zu bringen.

Daraus ergeben sich erhebliche Risiken im Falle eines schweren Erdbebens, vor allem in den küstennahen Vierteln mit relativ alter Bebauung zwischen der Altstadt und dem Flughafen Atatürk. Bei einer Magnitude von 5 bis 6 ist mit ernsten Schäden bei anfälligen Gebäuden zu rechnen, bei einer höheren Magnitude sind großflächig Schäden auch an robusten Gebäuden zu erwarten.

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