Industrieraum Halle-Leipzig 2007

Wirtschaftsraum Halle-Leipzig

100750 | Seite 29 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 500.000
Industrieraum Halle-Leipzig 2007 |  | Wirtschaftsraum Halle-Leipzig | Karte 29/1

Informationen

Der Grund für die bedeutende, phasenweise dominierende Stellung des Industrieraums Halle-Leipzig bis 1992 war ein eng verflochtener Wirtschaftskomplex aus Braunkohlenbergbau, Stromerzeugung, Chemieindustrie und Maschinen- und Schienenfahrzeugbau in Verbindung mit ausgewählten Dienstleistungen (Leipziger Messe).

Braunkohleförderung
Braunkohle war der mit Abstand wichtigste Energieträger der rohstoffarmen DDR, zugleich war und ist sie bis heute ein wichtiger Rohstoff der Chemischen Großindustrie in Leuna, Buna, Bitterfeld oder Wolfen. Der Kartenausschnitt erfasst den gesamten Raum der ehemaligen Braunkohlenlagerstätten des Weißelsterbeckens, das 1989 mit rund 35 Prozent an der Gesamtfördermenge der DDR von insgesamt 301 Mio. Tonnen beteiligt war, dann aber einen rapiden Niedergang erlebte: Allein in den ersten fünf Jahren nach der Fall der Mauer sank die Förderung im Mitteldeutschen Revier um nahezu 80 Prozent, in den meisten Abbaugebieten ist der Betrieb inzwischen völlig eingestellt.
Das Zentrum der mitteldeutschen Braunkohlenförderung war um 1960 das Revier Borna-Böhlen im Süden von Leipzig. Die Pleiße, die dieses Revier durchzieht, musste aufgrund der Tagebauerschließungen mehrfach verlegt werden. Im Borna-Böhlener Revier entstand eine vielseitige Kohleveredelungsindustrie, deren Anlagen zum Teil aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammten und teils bis 1990 in Betrieb blieben; darunter waren Brikettfabriken, Schwelereien und Teerverarbeitungsbetriebe. Diese Industrien sind heute weitgehend stillgelegt. Durch die Fremdflutung des Tagebaurestloches Zwenkau nordwestlich von Böhlen entsteht derzeit der größte — und letzte — von insgesamt sieben Bergbaufolgesee im Südraum von Leipzig
Das Bitterfelder Revier ist das älteste Revier Mitteldeutschlands. Durch einen fast 140-jährigen Braunkohlenabbau entstand hier eine vom Tagebau geprägte Landschaft voller Restlöcher und Abraumhalden, die eine Ausdehnung von fast 70 km² hat. Der Muldestausee, ehemaliger Tagebau Muldenstein, ist heute ein Naherholungsgebiet (Camping, Wassersport) für den Verdichtungsraum. Er entstand bereits 1975 durch Flutung des Tagebaus. Ab 1999 wurden weitere Restlöcher geflutet (Gräfenhainichen; Goitzsche). Bei Gräfenhainichen wurde 1995 das Industriemuseum "Ferropolis" eröffnet, das seit 2005 Teil der "Europäischen Route der Industriekultur" ist.
Das Delitzscher Revier zwischen Delitzsch und Leipzig wurde nach 1970 aufgeschlossen. Die 1980 einsetzende Förderung diente der Versorgung der Kraftwerke in der Region und der chemischen Großbetriebe in Bitterfeld, Buna und Leuna mit Rohbraunkohle. Der Abraum wurde per Bahn in die ausgekohlten Tagebaue gekippt. Dadurch wurden in der ebenen Landschaft um Delitzsch Aufschlusshalden vermieden.
Die bitumenreiche Braunkohle im Tagebau Amsdorf wird gegenwärtig noch abgebaut und vor Ort zu Montanwachs verarbeitet. Nach aktuellen Schätzungen wird der Tagebau in Amsdorf bei abbaubaren Kohlevorräten von gut 11 Mio. Tonnen eine Laufzeit bis 2016 haben. Es gibt allerdings Bestrebungen, die Lebensdauer des Tagebaus durch Abbau im Südfeld bis 2023 auszudehnen

Zur Wirtschaft
Im Ballungsraum Halle-Leipzig, der auch das Gebiet Bitterfeld-Wolfen umfasst, dominierte um 1960 die Chemische Industrie. In den Randbereichen wurde sie durch weitere Werke in Piesteritz (Düngemittel) und Coswig (Schwefelsäurefabrik) ergänzt. Auch der traditionelle Maschinenbau — mit den Hauptstandorten Halle, Leipzig, Dessau, Wittenberg und vielen kleineren Städten — und die Nahrungsmittelindustrie prägten das Industrieprofil.
Der gesamte Ballungsraum befand sich nach 1990 in einem tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess. Der wirtschaftliche Niedergang der altindustrialisierten Städte Halle und Leipzig war so ausgeprägt, dass er allein durch die Ansiedlung zahlreicher Forschungs-, Verwaltungs- und Kultureinrichtungen und stark geförderte Investitionen in die Chemische Industrie — unter anderem in Buna und Leuna — sowie in den internationalen Flughafen Leipzig-Halle nicht vollständig kompensiert werden konnte. Erschwerend wirkte, dass beide Städte 1990 administrative Funktionen an die Landeshauptstädte Dresden und Magdeburg verloren.
Leipzig kann in jüngster Zeit allerdings wieder deutlich positive Trends bei der Wirtschaftsentwicklung verzeichnen. Neben der Neuen Messe (einem 120 Hektar großen Messepark in Leipzig-Markkleeberg) sind Logistikstandorte am Flughafen und Produktionsstätten der Automobilindustrie Anzeichen eines gelungenen Strukturwandels. Zudem ist die Stadt Verwaltungssitz des gleichnamigen Regierungsbezirks, Sitz des Bundesverwaltungsgerichts und des sächsischen Verfassungsgerichts. Halle ist das Verwaltungszentrum des Saalekreises, Sitz der Nationalstiftung der Bundesrepublik Deutschland für Kunst und Kultur und Standort zahlreicher Bildungs- und Forschungsinstitute.
J. Breuste, J. Dornbusch, T. Topel

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