Hochwasserschutz

Region Oberrhein

978-3-14-100700-8 | Seite 43 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 500.000
Hochwasserschutz |  | Region Oberrhein | Karte 43/2

Informationen

Das Einzugsgebiet des Rheins wird in sechs große Abschnitte unterteilt. Das Mündungsgebiet ist der Alpenrhein, der bei Stein am Rhein in den Hochrhein übergeht. Ab Basel, wo sich der Fluss scharf nach Norden wendet, beginnt der südliche Oberrhein, an den sich bei Karlsruhe der nördliche Oberrhein anschließt; flussabwärts folgen ab Bingen der Mittelrhein und ab Bonn der Niederrhein. In jedem dieser Streckenabschnitte hat der Rhein in den letzten Jahrtausenden sein Bett immer wieder verlagert, wobei Dutzende einstiger Fischerorte vollständig im Fluss verschwanden.
Zum "Bändiger des wilden Rheins" wurde der 1770 geborene Georg Friedrich Tulla, ein Ingenieur aus Baden, der Mathematik und Geometrie studiert und mit der Unterstützung seines Markgrafen einige Jahre lang praktische Erfahrungen bei Wasserbauprojekten im In- und Ausland gesammelt hatte. 1809 legte er seine revolutionären Vorstellungen von einer durchgehenden "Retifikation des ungebärdigen Rheins" erstmals schriftlich nieder, wobei er dem Leitgedanken folgte, die Hochwassergefahr durch Erhöhung der Fließgeschwindigkeit zwecks Absenkung des Wasserspiegels zu verringern. Ein künstliches Bett sollte die Länge des Stroms zwischen Basel und Worms um fast ein Viertel verkürzen und die Kultivierung des bisherigen Sumpflandes ermöglichen. Tullas Maxime lautete: "Kein Fluss hat mehr als ein Bett nötig."
Das zu diesem Zeitpunkt größte Bauprojekt in der Geschichte Deutschland setzte langjährige planerische und diplomatische Vorarbeiten voraus. Erste Vereinbarungen mit einer von Napoleon eingesetzten Kommission, dem "Magistrat du Rhin", über sechs Rheindurchstiche wurden kurz nach ihrem verbindlichen Beschluss im Jahre 1812 durch den Zusammenbruch des französischen Kaiserreiches obsolet. Erst mit der Vereinbarung von fünf Durchstichen zwischen Baden und Bayern 1817, dem in den folgenden Jahren weitere Abkommen zwischen deutschen Ländern und mit Frankreich folgten, konnte das Projekt in Angriff genommen werden.

Umsetzung eines Mammutprojekts
In den folgenden Jahren bis zum Abschluss der Bauarbeiten 1870 waren zu jedem Zeitpunkt mindestens 3000 Arbeiter im Einsatz, um, verstärkt durch Soldaten, allein entlang der Strecke zwischen Basel und Straßburg weit mehr als 1000 km² Inseln und Halbinseln abzutragen und parallel neue Hauptdeiche mit einer Gesamtlänge von fast 250 Kilometern anzulegen. Auf dem geplanten neuen Streckenabschnitt wurde zunächst ein Leitgraben mit einer Breite von 18 bis 24 Metern ausgehoben. Wenn dann die Anschlussstellen geöffnet wurden, konnte der Fluss, der Linie des geringsten Widerstands folgend, den künstlichen Graben durch die Kraft seiner Strömung erweitern und vertiefen. Besonders aufwendig waren die Begradigungsmaßnahmen in der stark gegliederten Furkationszone, in der zahlreiche große Inseln abgetragen werden mussten. Ein zusätzliches Handicap waren ungünstigen geologischen Bedingungen, etwa Lehmschichten, die mitunter eine deutlich tiefere Ausschachtung nötig machten.
Die Wissenschaft vom Wasserbau hatte seit dem 18. Jahrhundert gewaltige Fortschritte gemacht, die technischen Mittel nicht. Die meisten Arbeiten mussten durch die Muskelkraft von Menschen und Pferden verrichtet werden, mit einfachen Werkzeugen wie Schaufeln, Hacken und Eimern. Erst lange nach Tullas Tod 1828, als ein Großteil der Arbeiten längst abgeschlossen war, setzte auch in Deutschland eine zunehmende Mechanisierung ein.

Gewinner, Verlierer und Folgen
Das Primärziel des Projekts, der Schutz dutzender Städte und Dörfer, wurde in einem großen Maße erreicht. Weitere Errungenschaften waren der Gewinn fruchtbaren Kulturlandes, die Verbesserung der Schifffahrtswege, nicht zuletzt die Eindämmung von Malaria, Typhus und Ruhr, zumal in der südlichen Oberrheinebene.
Die Kehrseite des Erfolgs, speziell in dieser Region, war eine unerwartete Absenkung des Grundwasserspiegels. Im vormals hochwassergefährdeten Neuenburg fiel der Wasserstand um ganze fünf Meter, wodurch Bäume und Pflanzen verdorrten; in Breisach wurden die einstigen Auenwälder von einem trockenen Grasland verdrängt. Eine weitere Folge der erhöhten Fließgeschwindigkeit und der Eindämmung der Überflutungsflächen war eine verstärkte Hochwassergefahr am Mittel- und Niederrhein. Um diese zu verringern, wird derzeit die Schaffung neuer Rückhaltebecken geplant (siehe Karte 43.2).
Der Fortschritt hatte auch soziale und ökologische Konsequenzen. Die Goldwäscherei, die Vogelstellerei und die Schilfrohrschneiderei, drei traditionsreiche Gewerbezweige, brachen ein. Noch gravierender in der Breitenwirkung war der Niedergang des Fischereigewerbes, da in vielen Dörfern wie Burkheim etwa die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung vom Fischfang lebte. Das Verschwinden zahlloser Arten, darunter Lachse, Meerforellen und Störe, wurde durch Umweltverschmutzung und spätere Baumaßnahmen zweifellos verstärkt, aber viele unersetzliche Ruhe- und Laichplätze wurden bereits in dieser Phase unwiderruflich zerstört. Eine gravierende ökologische Verarmung durch Habitatvernichtung offenbarte sich auch bei den landlebenden Tieren und Pflanzen.
K. Lückemeier

Graphiken

Bild

Der Polder Kollerinsel nördlich von Speyer hat ein Rückhaltevolumen von 6,1 Milionen Kubikmeter

Unter Polder wird das eingedeichte, dem Meer oder einem Fluss abgerungene Marschland bezeichnet. Es liegt ständig unter oder auf gleicher Höhe des Meeres- oder Flussspiegels.
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