Haushaltsgrößen und Kulturerdteile nach A. Kolb und J. Newig

Erde - Kultur/Migration

978-3-14-100700-8 | Seite 254 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 140.000.000
Haushaltsgrößen und Kulturerdteile nach A. Kolb und J. Newig |  | Erde - Kultur/Migration | Karte 254/1

Informationen

Die Karte zeigt die Verteilung der durchschnittlichen Haushaltsgrößen in den Ländern der Welt, wobei größere Kulturkreise zu Kulturerdteilen zusammengefasst werden. Neben den Namen der Kulturerdteile finden sich in einem schwarzen Kasten die durchschnittlichen Haushaltsgrößen. Zusätzlich wurde das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen in die Karte aufgenommen.

Individualsysteme
Hinter den nackten Ziffern der Haushaltsgrößen verbergen sich aufschlussreiche soziale und ökonomische Zusammenhänge. Kleine Haushalte setzen einen hohen zivilisatorischen Standard voraus. In Staaten mit kleinen Haushaltsgrößen herrschen Individualsysteme vor, also soziokulturelle Systeme, in denen der einzelne Mensch, das Individuum, mit seinen jeweiligen Rechten und Pflichten die kleinste soziale Bezugsgröße ist. Für persönliche und berufliche Entscheidungen sind die eigenen Lebensumstände maßgeblich, nicht die Ansichten eines größeren Familienverbandes. Die staatliche Organisationsform der Individualsysteme ist zumeist die moderne Demokratie, in der der Staat viele Aufgaben übernimmt, die anderswo von der Familie getragen werden. Deutlich zeigt sich dies am Beispiel der Altersvorsorge, die auf einem ausgefeilten Rentensystem beruht.
In Individualsystemen herrscht überdies ein hohes Pro-Kopf-Einkommen, da kleine Wohnungen erheblich größere finanzielle Mittel erfordern. Einpersonenhaushalte können massenhaft nur in modernen Konsumgesellschaften existieren, in denen die materielle Orientierung im Vordergrund steht. Die Menschen in Staaten mit kleinen Haushalten besitzen eine hohe Flexibilität, wie sie der Arbeitsmarkt in marktorientierten Gesellschaften verlangt. So erwarten die Arbeitgeber die Bereitschaft und die Fähigkeit der Mitarbeiter, dorthin umzuziehen, wo sie beruflich gebraucht werden. Damit können auch Innovationen schneller umgesetzt werden. So zeichnen sich die Kulturerdteile mit extrem kleinen Haushalten von unter drei Personen, die vor allem in Angloamerika und Europa vorherrschen, durch eine hochintegrierte Wirtschaft aus. Religiöse und andere Wertorientierungen ordnen sich hier dem ökonomischen Geschehen unter. Die Jugend wird höher wertgeschätzt als das Alter, steckt in ihr doch das höhere Innovationspotenzial im Vergleich zu den Erfahrungswerten der Älteren.

Verwandtschafts- und Mischsysteme
Große Haushalte beruhen zumeist auf einem stärkeren Familienzusammenhang. In Staaten mit vorherrschenden Verwandtschaftssystemen werden grundlegende Entscheidungen für das Leben des Einzelnen im Familienrat gefällt, dem in der Regel ein männliches oder weibliches Familienoberhaupt vorsteht, das durch Alter oder Autorität als letzte Instanz im privaten Bereich fungiert.
Ungeschriebene Gesetze des Familienclans präzisieren, ergänzen und ersetzen zum Teil sogar das staatliche Recht. Die Familie orientiert sich an der Tradition, kümmert sich um jedes einzelne ihrer Mitglieder, trägt die Versorgung im Alter, organisiert das soziale Zusammenleben und achtet auf die Einhaltung der Sitten und Bräuche. Da Gemeinschaften dieser Art auf ein lebenslanges Zusammenleben ausgerichtet sind, verlangen sie vom einzelnen Mitglied ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft. Dafür werden im Geschäftsleben und im öffentlichen Dienst bevorzugt Familienmitglieder berücksichtigt ("Vetternwirtschaft"). Unstimmigkeiten werden durch familieninterne Schiedsgerichte ausgeräumt. Familienfeste mit großer Beteiligung sorgen dafür, dass die einzelnen Mitglieder sich immer wieder ihrer Rolle innerhalb der Gruppe bewusst werden. Verwandtschaftssysteme dieser Art herrschen vor allem im Orient, im Subsaharischen Afrika und Südasien vor.
Bei mittleren Haushaltsgrößen sind Elemente beider Systeme miteinander verwoben. Sie werden deshalb als Mischsysteme bezeichnet. Hierzu zählen die Kulturerdteile Russland, Ostasien und Australien. Relativ stark zum Verwandtschaftssystem tendieren Lateinamerika und Südostasien mit durchschnittlich vier Personen pro Haushalt. Australien stellt weltweit eine gewisse Ausnahme dar, weil die Pioniersituation hier einerseits relativ große Haushalte begünstigt, andererseits eine traditionelle Wertorientierung aufgrund der noch geringen Konsolidation wenig ausgeprägt ist, weshalb die Affinität zum Individualsystem an der Haushaltsgröße nicht ganz so stark sichtbar wird.
Was das Heiratsalter der Frauen betrifft, so korrelieren im Allgemeinen große Haushaltsgrößen und junges Heiratsalter. Umgekehrt verzeichnen Länder mit kleinen Haushalten ein höheres Heiratsalter.
J. Newig

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