Großraum Nürnberg - Siedlungsentwicklung

Deutschland - Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen

978-3-14-100700-8 | Seite 69 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 200.000
Großraum Nürnberg | Siedlungsentwicklung | Deutschland - Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen | Karte 69/4

Informationen

Mit viel königlicher Gunst entwickelte sich Nürnberg, das um 1050 erstmals erwähnt wurde, im Laufe des Mittelalters nicht nur zu einer der bedeutendsten, sondern mit rund 50 000 Einwohnern (um 1500) auch zu einer der größten deutschen Reichsstädte. Monatelange Reichstage, ab 1424 auch die dauerhafte Verwahrung der Reichskleinodien, ließen die Stadt mit der Kaiserburg phasenweise wie Deutschlands Hauptstadt erscheinen.

Mittelalter und frühe Neuzeit
Einer der Gründe für diese Entwicklung war, dass sich hier wichtige Überlandstraßen kreuzten; viel befahren war vor allem die Alpenroute nach Venedig. Der Wohlstand Nürnbergs beruhte daher vor allem auf dem europaweiten Fernhandel seiner Kaufleute und einem eigenen, hochspezialisierten und kunstreichen Handwerk. Die Nähe zum Eisen der Oberpfalz und den böhmischen Erzgruben regte besonders zur Metallverarbeitung an; an Flüssen und Teichen siedelten sich Hammerwerke an. Bereits um 1400 gliederte sich Nürnbergs Metallgewerbe in rund 40 Zweige, darunter Geschützgießer, Harnischschmiede, Weißblech- und Messingwarenhersteller, Trompetenmacher, Messerer und Fingerhuterer. Aus dieser Epoche stammt die Redensart: "Nürnberger Tand geht in alle Land"; die Stadt überflügelte das nicht weit entfernte Regensburg (vgl. 69.5).
Der Dreißigjährige Krieg beendete diese Glanzzeit. Die unsicher gewordenen Handelswege, eine neue Konkurrenz durch die Überseehäfen am Atlantik, die Zollschikanen der angrenzenden Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, der Verlust kaiserlicher Sympathie durch den Übertritt zum Luthertum (1525) und andere konfessionelle Schranken, uneinsichtig kleinliche Gewerbevorschriften im Innern und Pestwellen lähmten die Stadt. Im 18. Jahrhundert war Nürnberg schwer verschuldet.

Großraum Nürnberg in der Moderne
1806 wie ganz Franken dem Königreich Bayern einverleibt, kam Nürnberg erst im Industriezeitalter wieder voran und wuchs nun explosionsartig von 47 000 (1840) auf 424 000 Einwohner (1939). Tüchtigen Unternehmerpersönlichkeiten verdankte die Stadt nicht nur die erste deutsche Eisenbahnlinie, die ab 1835 Nürnberg mit Fürth verband, sondern auch Hopfenhandlungen, Spielzeug- und Bleistiftfabriken und expansive Großbetriebe wie die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) oder die Firma Siemens-Schuckert, die weitläufige Kontakte zu Auslandsmärkten herstellten. Ihr historisches Standortmerkmal, Verkehrsknotenpunkt zu sein, erneuerte die Stadt durch die Errichtung eines bedeutenden Güterrangierbahnhofs im Süden, von dem aus Industriegleise — die allerdings seit 1990 im Osten unterbrochen sind — als Ringbahn um die Stadt führten. Weiter verbesserte sich die Verkehrslage durch den Rhein-Main-Donau-Kanal, vier Autobahnen (A 3 Würzburg—Regensburg, A 6 Heilbronn—Amberg, künftig bis Prag, A 9 München—Berlin, A 73 Nürnberg—Bamberg, mit baldiger Fortsetzung bis Erfurt), einen internationalen Flughafen (2005: 3,85 Mio. Passagierabfertigungen) und neue S-Bahn-Linien für den Personennahverkehr (ab 1994 bis Roth, Lauf und Neumarkt). Eine 1994 im Rahmen der "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" begonnene ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse von München nach Berlin ist bereits bis Nürnberg fertiggestellt.
Rege Neubautätigkeit, die freilich erst einsetzen konnte, als Nürnberg endlich 1866 aus der militärischen Festungspflicht entlassen wurde und nun nicht länger das Schussfeld vor den historischen Stadtmauern freihalten musste, ließ die alten dörflichen Siedlungskerne im Umkreis im Laufe der Zeit und vor allem nach 1945 immer mehr zu einem großen Verdichtungsraum verschmelzen. Auf Teilen des ehemaligen NS-Reichsparteitagsgeländes errichtete man die für 60 000 Einwohner geplante Trabantenstadt Langwasser. Nur im Knoblauchsland überdauerte eine Insel intensiven Gemüseanbaus (vgl. 56.3).

"Metropolregion" Nürnberg
Heute ist die Region Mittelfranken mit fast 2 Mio. Einwohnern und 51,1 Mrd. Euro Bruttoinlandsprodukt der sechstgrößte Wirtschaftsstandort Deutschlands. Die Bundesregierung verlieh ihm kürzlich den begehrten Titel "Metropolregion Nürnberg", der so attraktiv wirkt, dass immer mehr Kommunen und Kreise des Hinterlands darin Mitglied sein wollen. Zur ansässigen Bevölkerung gehört mittlerweile auch ein beträchtlicher Ausländeranteil von 15 bis 18 Prozent (2005); neuerdings verringert er sich wieder etwas, was aber teilweise mit Einbürgerungen zusammenhängt. Im Industriesektor stehen nicht mehr die Metallverarbeitung und der Maschinenbau an der Spitze, sondern die Elektrotechnik. Das hat unter anderem mit der Firma Siemens zu tun, die 1945 ihre Verwaltung und etliche Produktionsbereiche aus dem geteilten Berlin nach Erlangen verlagerte. In Partnerschaft mit der Siemens AG und der Friedrich-Alexander-Universität (26 000 Studierende), seinen zwei Schwergewichten, nennt sich Erlangen in jüngster Zeit sogar stolz "Bundeshauptstadt der Medizintechnik".
Neuerdings jedoch büßte Mittelfranken in geradezu krisenhaftem Ausmaß industrielle Arbeitsplätze ein. Die Zahl der Industriebeschäftigten in Nürnberg sank allein zwischen 1968 und dem Jahr 2000 von mehr als 110 000 auf nur noch knapp 59 000 Arbeitnehmer. Klangvolle Namen wie der einstige Unterhaltungselektronik-Riese Grundig oder die AEG gingen verloren. Die Arbeitslosenquote im Bezirk Nürnberg schwoll dadurch auf mehr als zwölf Prozent (2005) an. Gleichzeitig vollzieht sich mit Firmen wie DATEV und dem Marktforschungsinstitut GfK ein markanter Umbruch zum Handels-, Dienstleistungs- und Kommunikationsgewerbe; 1975 waren etwa 48 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich tätig, 2007 waren es bereits 63 Prozent. Ausgehend von der Internationalen Spielzeugmesse wurde Nürnberg auch ganzjährig wichtige Messestadt.
Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit ihrem Lebensumfeld ist groß. Viele leben in den Wohnvororten, die als "Speckgürtel" die Zentralstädte erweitern, in Eigenheimen mit Garten. Der östlich anschließende "Reichswald" wurde durch dieses Siedlungswachstum und den Flächenbedarf des Auto-, Zug- und Schiffsverkehrs im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark zurückgedrängt. In reichsstädtischer Zeit hatte man ihn für die Köhlerei und Imkerei und als Bau- und Brennstoffquelle streng geschont; die ab 1368 auf Kahlschlägen betriebene "Nadelholzsaat" gilt sogar als Beginn systematischer abendländischer Forstpflege. Dann folgte im 19. und 20. Jahrhundert eine Phase des Raubbaus, bis man die Restflächen aus ökologischen Gründen 1975 erneut unter Schutz stellte ("Bannwald"); zugleich versucht man, die stark degradierten Kiefernbestände durch Laubbäume wieder zu Mischwald zu renaturieren. Für die Großstadtbevölkerung ist der Reichswald ein wertvolles Naherholungsgebiet. Ein zweites Ausflugsziel bekamen die Nürnberger, als zum Zweck der Wasserüberleitung von der Altmühl zur Regnitz und zum Rhein-Main-Donau-Kanal zwischen Roth und Gunzenhausen das neue "Fränkische Seenland" angestaut wurde.
H. Heller

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Entstehungs- und Gliederungsmodell der deutschen Stadt

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Siedlungswachstum in München (1948,1972,2005)

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Mitteleuropa: Stadtentstehung und -bauepochen

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