Europa - wirtschaftliche Raummodelle

Europa - Wirtschaft

978-3-14-100700-8 | Seite 85 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 40.000.000
Europa | wirtschaftliche Raummodelle | Europa - Wirtschaft | Karte 85/2

Informationen

Es gibt zahlreiche schematische kartographische Darstellungen der wirtschaftsräumlichen Struktur des westlichen Europa. Sie werden auch als Geodesign oder Raummodelle bezeichnet. Sie enthalten sowohl abstrahierte Aussagen über reale Verbreitungen als auch solche über politisch angestrebte, über erwartete und über vermutete räumliche Wandlungen. Sie sind daher vieldeutig und wurden vielfach erweitert und variiert.

Die "Blaue Banane"
Die Grafiken gehen auf die visuell einprägsam skizzierte These des französischen Geographen Brunet (1989) zurück. Dieser vertrat die Ansicht, dass ein Bedeutungsverlust für Paris infolge der fortschreitenden Europäisierung und der abseitigen Lage der französischen Hauptstadt außerhalb des Rückgrates Europas zu erwarten wäre, wenn die damalige französische Politik der Dezentralisierung zu Lasten der Hauptstadt fortgesetzt würde. Diese Grafik umschloss daher nur das damalige Westeuropa.
Nach der "Wende" in Europa wurde die Grafik, die unter dem von einem französischen Journalisten geprägten Schlagwort der "Blauen Banane" — analog zum wirtschaftlichen Begriff der Blue Chips — weite Beachtung gefunden hatte, durch weitere Inhalte und durch grafische Erweiterungen für Ostmitteleuropa ergänzt. Hier sind vor allem die Pfeile für die erhofften West-Ost-Verbindungen sowie für diejenigen zur Türkei und zur mediterranen Gegenküste zu nennen. "Achsen" bedeutet hier vorherrschende Richtung, aber keine gebündelten Infrastrukturen oder zusammenhängenden Wirtschaftsgebiete. Ferner ist der bis heute der politisch unsichere (Kosovo) und der wirtschaftlich schwache Balkan (Bulgarien, Rumänien usw.) grafisch als Keil hervorgehoben.
Die "Blaue Banane" erstreckt sich von Birmingham über London, Brüssel, die Randstad, das Ruhrgebiet, die Rheinachse, Basel und Zürich bis nach Mailand, Turin und Florenz und wird dann in den Grafiken unterschiedlich weitergeführt — im vorliegenden Kartenbild bis Rom.

Weitere Kernräume
Der Kernraum wurde in den beiden vergangenen Jahrzehnten durch weitere grafische Elemente ergänzt. Als Erstes zu nennen wäre die "Gelbe Banane", die sich von Paris über Brüssel/Amsterdam bis Hamburg und, großzügig umrissen, bis nach Berlin erstreckt. Daneben gibt es innerhalb der "Blauen Banane" den Verweis auf die mögliche Schwerpunktverlagerung vom Raum Bonn/Düsseldorf in die Rhein-Main- und Rhein-Neckar-Region, die auch auf die Standortentscheidung der Europäischen Zentralbank für Frankfurt/M. zurückzuführen ist. Eine gestrichelte Linie symbolisiert das "wirtschaftliche Herz" Europas. In der Literatur finden sich noch weitere Bilder und Metaphern wie die vom "Dreieck der Entscheider" (Triangel), das sich auf Paris, London und Brüssel bezieht.
Der "Gürtel von Hightechregionen" — außerhalb der im Kernraum gelegenen — soll auf die Bedeutung von Städten wie Toulouse, Glasgow oder Kopenhagen hinweisen. Der Begriff Sunbelt wurde in Anlehnung an die Erfolgsgeschichte des kalifornischen Silicon Valley gebildet und bezeichnet ein Gebiet mit "weichen" Standortfaktoren wie Küste, Sonne, Gebirge oder Schnee. Als Beispiele wären hier der Technologiepark Sophia Antipolis bei Nizza oder Barcelona (Olympiade 1992) zu nennen.

Peripherien und Problemregionen
Die Peripherien bilden den Gegensatz zum Kernraum. Die südliche Peripherie umfasst die, gemessen an EU-Standards, wirtschaftlich ärmeren Gebiete von Portugal über Sardinien, das Mezzogiorno bis Griechenland und den europäischen Teil der Türkei; die Grenzlinie könnte auch Albanien und Montenegro einbinden. Die "Achse mit Problemregionen", auch als "Diagonale der Schwierigkeiten" bezeichnet, hat eher symbolische Bedeutung. Zu ihr können besonders strukturschwache Gebiete wie das Zentralmassiv oder Mecklenburg-Vorpommern gerechnet werden. Die "Achse mit Problemregionen" streicht gewissermaßen die "Blaue Banane" durch und verweist damit auf die "Fragmentierung" des europäischen Raumes, also auf die Tatsache, dass sehr gegensätzliche Raumkategorien, etwa klassische Altindustrieareale und neue Investitionsstandorte, besonders arme oder reiche Regionen, oft dicht beieinander liegen. Eine ähnliche Fragmentierung gibt es auch innerhalb der räumlich zusammenhängenden Peripherie; man denke etwa an die landwirtschaftlichen Intensivkulturen bei Almería an der spanischen Südküste oder an das expandierende moderne Dublin in der atlantischen Peripherie.
Die raumordnungspolitische Antithese zum Modell der "Bananen" und Kernräume wäre das "Trauben-" oder "Wein-Trauben-Modell" mit einer großen Zahl gleichrangiger Zentren. Dieses Modell wäre das Symbol einer ausgleichenden Entwicklung im Unterschied zur gegenwärtigen Raumstruktur mit den reichen Kernräumen und den wirtschaftlich ärmeren Peripherien.
F. Werner

Graphiken

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Die "Blaue Banane"

Bezeichnung für den Schwerpunkt einer wirtschaftlich dynamische Raumentwicklung innerhalb der EU.
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Standorte der 100 größten börsennotierten Unternehmen in Europa 2007

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Wachstumszentren (regionale Cluster) in Europa

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