Europa - Phönikische und griechische Kolonisation

Europa - Antike

978-3-14-100870-8 | Seite 100 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 24.000.000
Europa | Phönikische und griechische Kolonisation | Europa - Antike | Karte 100/1

Überblick

Zwischen dem 11. und 8. Jahrhundert v. Chr. beherrschten die Phöniker (oder Phönizier) in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht große Teile des Mittelmeerraums. Sie gründeten allerdings nie ein Reich, sondern lebten in kleinen, eigenständigen Stadtstaaten an der Ostküste des Mittelmeeres im heutigen Libanon und Syrien - der Sammelname "Phöniker" wurde ihnen erst von den Griechen gegeben. Ab etwa 800 v. Chr. verloren sie ihre Vormachtstellung, es begann die Zeit der griechischen Antike. Während die phönikische Kolonisation aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt war, gründeten die Griechen Kolonien, um die kontinuierlich steigende Bevölkerung der Mutterstädte zu versorgen.

Die Phöniker

Der Aufstieg der Phöniker begann nach dem Ende des Seevölkersturms. Ihre Städte legten sie unter bestimmten Gesichtspunkten an. Wichtig war, dass sie sich gut verteidigen ließen, dass in unmittelbarer Nähe fruchtbares Ackerland vorhanden war, dass nach Möglichkeit ein Sommer- und Winterhafen angelegt werden konnte. Die Städte waren eng, die Häuser bescheiden, die Gewerke auf verschiedene Quartiere verteilt; die Einwohnerschaft lag vermutlich bei einigen Tausend. Man vermutet, dass die Phöniker über ein differenziertes Gerichtssystem zur Abwicklung von Zivilprozessen verfügten.

Entscheidend für den Aufstieg der phönikischen Städte war, dass die großen Karawanenstraßen an der libanesischen Küste endeten. Ein Großteil der Güter, die im Altertum auf die Märkte zwischen Euphrat und Tigris und im gesamten Mittelmeerraum gelangten, hatte seine Reise auf phönikischen Schiffen angetreten oder in phönikischen Vorratshäusern gelagert.

Die Phöniker waren aber nicht nur Zwischenhändler. Ein wichtiges Exportgut war Zedern- und Kiefernholz, das in Ägypten zur Herstellung von Möbeln und Schiffen diente. Ein zweites wertvolles Handelsgut war der Purpurfarbstoff, der vor allem in Tyros und Sidon gewonnen wurde. Sein Ausgangsmaterial war die in den Küstengewässern verbreitete Stachelschnecke, von der die begehrte Farbe durch einen Fäulnisprozess gewonnen wurde. Der tyrische Königspurpur, ein tiefes Violett, war in der ganzen Alten Welt bekannt und durfte in manchen Ländern nur von Königen getragen werden.

Zudem zeigten die Phöniker große handwerkliche Fertigkeiten. Durch ihre ausgedehnten Reisen im Mittelmeer und im Atlantik lernten sie kontinuierlich neue Rohstoffe, Verarbeitungstechniken und Stile kennen. Eine große Kunst entwickelten sie in der Schmuckherstellung aus Elfenbein und Edelmetallen. Des Weiteren waren sie Meister in der Herstellung von Metallgefäßen, Silberschalen, Kupfer- und Bronzeschüsseln. Phönikische Handwerker bereisten auf Werkstatt-Booten alle Küsten des Mittelmeeres. Sie entwickelten jedoch keinen "phönikischen" Stil, sondern imitierten Vorbilder aus Mesopotamien, Ägypten oder der Ägäis.

Im 11. Jahrhundert v. Chr. begannen die Phöniker mit der Gründung von Kolonien und Handelsfaktoreien auf Zypern, Sizilien, Malta, Sardinien und den Balearen, in Südspanien und an der Küste Nordafrikas. Ausgangspunkt waren Städte wie Tyros, Sidon oder das weiter nördlich gelegene Berytos (heute: Beirut). Eine ihrer wichtigsten Kolonien war Carthago, das früh von Sidon aus gegründet wurde, aber erst durch die 814 von Tyros aus erschaffene Neustadt Geltung als antike Seemacht und bedeutender Handelsplatz erlangte. Die Phöniker durchquerten auch die Straße von Gibraltar und gründeten die Hafenstadt Gades (heute: Cádiz). Es folgten Niederlassungen an der westafrikanischen und portugiesischen Küste, im Norden stießen sie entlang der Bretagne bis zu den Britischen Inseln und nach Irland vor.

Zu den bedeutendsten Kulturleistungen der Phöniker zählt die Weiterentwicklung des Alphabets. Einen entscheidenden Schritt hatten zuvor die Bewohner Ugarits unternommen, als sie der mesopotamischen Keilschrift rund 30 Zeichen entnahmen, die der ursprünglichen Keilschrift glichen, ihrem Wesen nach aber völlig anders waren, weil sie Einzelkonsonanten bezeichneten. Nach diesem Vorbild entnahmen die Phöniker dem ägyptischen Zeichenvorrat die 25 darin enthaltenen Lautzeichen und formten daraus das erste wirkliche Alphabet, auch wenn ihm noch die Vokale fehlten - sie wurden ihm später von den Griechen hinzugefügt.

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Die Griechen

Zur Zeit der Seevölker waren die Stämme der Achaier, Ionier und Dorer von Norden in die griechisch-kleinasiatischen Gebiete vorgedrungen. Sie siedelten sich in je eigenen Gebieten auf dem griechischen Festland, seinen Inseln und an der Westküste Kleinasiens an. Die späteren Griechen waren noch kein einheitliches Volk, sondern sprachen verschiedene Dialekte. Was sie von anderen Bewohnern des Mittelmeerraumes unterschied, war, dass sie das Eisen kannten. Deshalb markiert ihr Eintreffen das Ende der Bronze- und den Beginn der Eisenzeit.

In der frühen Antike kam es an der kleinasiatischen Küste zu intensiveren Handelsbeziehungen mit phönikischen Kaufleuten, mit denen die Hellenen Öl, Getreide, Silber und andere Metalle handelten und von denen sie das Alphabet erlernten. Mit dem kulturellen Aufschwung Griechenlands in der archaischen Zeit bildete sich das System der Stadtstaaten ("Poleis") heraus, es entstanden die Homerischen Epen, in Olympia wurden Olympische Spiele (nachweislich ab 776 v. Chr.) ausgetragen.

Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. begannen die griechischen Städte in Griechenland und Kleinasien, fern des eigenen Herrschaftsbereichs "Tochterstädte" anzulegen. Die Gründe für diesen Vorgang waren, anders als bei den Phönikern, sozioökonomischer Natur: Die Produktivität der griechischen Landwirtschaft war gering, dennoch stieg die Bevölkerungsdichte kontinuierlich an. Die Tochterstädte (griech. Apoikien: "Pflanzstädte") waren Ackerkolonien, in denen vor allem Nahrungsmittel und Rohstoffe für die heimische Bevölkerung gewonnen werden sollten. Zugleich versuchte man, sie in möglichst handelsgünstiger Lage anzulegen.

Die griechische Kolonisation erfolgte in drei Richtungen. Im Westen entstanden Niederlassungen in Unteritalien, auf Sizilien, an der illyrischen Küste des heutigen Kroatiens, an der Küste Südgalliens (unter anderem Massilia, heute Marseille) und auf der Iberischen Halbinsel. In südlicher Richtung entwickelten sich an der nordafrikanischen Küste die Städte Cyrene und das an einem Nilarm gelegene Naukratis, das bis zur Gründung Alexandrias (331 v. Chr.) Zentrum des griechisch-ägyptischen Handels blieb.

In nordöstlicher Richtung entstanden neben Siedlungen in Thrakien vor allem zahlreiche Kolonien an der Küste des Schwarzen Meeres, darunter Byzantion (Byzanz, später Konstantinopel, heute Istanbul), Sinope und Trapezunt. Bedeutende "Mutterstädte" waren unter anderem Chalkis, Megara, Sparta, Phokaia und Milet. Obgleich der Vorgang nicht zentral gesteuert wurde, umsäumten griechische Kolonien bald alle Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres.

Die Gründung einer "Pflanzstadt" geschah unter der Führung eines Oikisten, der das Land verteilte und die Verwaltung organisierte. Die Kolonie war ein eigenständiger Stadtstaat, mit der Mutterstadt blieb er durch Kultpraxis und wirtschaftliche Beziehungen verbunden. Die Einwohner, auf welche die Gründer trafen, wurden vertrieben oder unterworfen und versklavt. Die Kolonien lieferten den Mutterstädten Getreide, Vieh, Fische, Salz, Bauholz, Bergbauerzeugnisse, Gewürze, Papyrus, Elfenbein und Sklaven, im Gegenzug erhielten sie Handwerksprodukte, Öl und Wein.

Die griechische Kolonisation führte zu tiefgreifenden Veränderungen in Griechenland. Produktion und Handel erlebten einen starken Aufschwung, die Handelsverbindungen befruchteten das kulturelle Leben. Zugleich trug die Kolonisation stark zur Ausbildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls unter allen Griechen bei. Bei Hesiod taucht um 700 v. Chr. erstmals die Bezeichnung "Hellenen" - im Gegensatz zu: "Barbaren" - in der umfassenden Bedeutung eines Sammelbegriffs für alle griechischen Stämme auf.

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