Europa - Frühindustrielle Wirtschaftszentren um 1850

Europa - Wirtschaft

978-3-14-100870-8 | Seite 118 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 18.000.000
Europa | Frühindustrielle Wirtschaftszentren um 1850 | Europa - Wirtschaft | Karte 118/1

Überblick

Im späten 18. Jahrhundert begann, zunächst schleichend, die industrielle Revolution, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen grundlegend veränderte. Charakteristische Merkmale des Transformationsprozesses, der aus den traditionellen Agrargesellschaften moderne Industriegesellschaften formte, waren die intensive Nutzung von Kohle und Eisen, der Beginn der Massenproduktion unter massivem Einsatz neuer Maschinen und Herstellungsverfahren sowie eine starke Zunahme der Lohnarbeit, die ihrerseits zu einer gravierenden Bevölkerungsverschiebung vom ländlichen Raum in die explosiv anwachsenden Städte führte. Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung war die Verelendung großer Bevölkerungsschichten. Die "soziale Frage" hatte wiederum starken Anteil an der Entstehung der Arbeiterbewegung.

England und Kontinentaleuropa

Am Anfang der industriellen Revolution standen epochale technische Innovationen, darunter 1764 die Erfindung eines Spinnrads mit mehreren Spindeln ("Spinning Jenny"). Nur ein Jahr später gelang James Watt eine entscheidende Verbesserung der Dampfmaschine, durch die es möglich wurde, Grundwasser aus Bergwerksstollen abzupumpen, was es möglich machte, Kohle in wesentlich größeren Tiefen abzubauen. Vor allem zeigte sich bald, dass die Dampfmaschine als Antriebsmittel mit den verschiedensten Maschinen kombinierbar war, seien es Webstühle, Spinnmaschinen, Sägen, Fräsen, Bohrer oder andere. Ein Jahr nach Erfindung der Dampfmaschine wurde in England der erste Hochofen errichtet, weitere bahnbrechende Innovationen folgten im Abstand weniger Jahre.

Um 1850 waren die drei tragenden Säulen des wirtschaftlichen Aufschwungs die Textilindustrie, die Eisen- und Stahlindustrie sowie der Maschinen- und zunehmend auch der Fahrzeugbau, wobei die Schwerindustrien ausnahmslos in der Nähe bedeutender Kohlevorkommen angesiedelt waren. Die führende Industriemacht in Europa war mit Abstand Großbritannien, das in der Steinkohleförderung, der Roheisenerzeugung und der Anzahl betriebener Dampfmaschinen und dampfkraftbetriebener Spinnmaschinen die europäischen Konkurrenten um ein Vielfaches übertraf. An zweiter Stelle bei der Industrieproduktion folgte Frankreich, während die Industrialisierung in Deutschland aus historischen und politischen Gründen verzögert begann. Der Deutsche Bund war kein modernes, zentralistisch organisiertes Land, sondern ein loser Staatenverbund, in dem Kleinstaaterei und innerdeutsche Grenzen den wirtschaftlichen Aufschwung bremsten, trotz der bahnbrechenden Gründung des Deutschen Zollvereins 1834. Die Entwicklung des Ruhrgebiets zur führenden Industrieregion stand noch ganz am Anfang. Dortmund und Essen, die beiden größten Städte, waren mit rund 10 000 Einwohnern noch relativ unbedeutend, Gelsenkirchen mit 800 Einwohnern ein Dorf. 1849 war in Mülheim gerade der erste mit Kokskohle betriebene Hochofen errichtet worden, dem allerdings rasch viele weitere folgten.

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Städte und Verkehr

Die Revolutionierung des Verkehrswesens, die für den Industrialisierungsprozess von entscheidender Bedeutung war, weil nur dadurch große Mengen von Rohstoffen von den Abbaugebieten zu den Fabriken und Güter von dort zu den Märkten transportiert werden konnten, begann 1807 mit der Erfindung des Dampfschiffs. Eine Schlüsselrolle bei der Beschleunigung des Personen- und Güterverkehrs spielte die Eisenbahn. Auch hier übernahm England eine Führungsrolle. Nach verschiedenen Vorläufern verkehrte 1830 die erste Personen-Dampfeisenbahn zwischen Liverpool und Manchester, bald gefolgt von Verbindungen nach Glasgow und London. 1835 umfasste das britische Schienennetz 700 Kilometer, bis 1850 wuchs es dank forcierter staatlicher Entwicklung auf 8000 Kilometer an. Auch andere Länder trieben den Streckenausbau voran. In Deutschland fuhr 1835 die erste Dampfeisenbahn von Nürnberg nach Fürth, 1837 begann der Bau einer ersten Ferneisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden, 1850 hatte das deutsche Eisenbahnnetz bereits eine Betriebslänge von rund 7000 Kilometern.

Die bedeutendsten Städte der Zeit waren London, damals die größte Stadt der Welt, Paris, in kultureller Hinsicht die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" (W. Benjamin), Amsterdam durch seinen Hafen und seine Bedeutung als Handelszentrum, nicht zuletzt Wien als Sitz des Deutschen Bundes.

Die negative Folge des technisch-ökonomischen Aufschwungs war eine drastische Verelendung breiter Bevölkerungsschichten in den rasch wachsenden Armutsvierteln der Städte. Weil die Automatisierung der Produktion viele Facharbeiter überflüssig machte und die Landflucht zu einem Überangebot an Arbeitskräften führte, wurden unzählige ungelernte Arbeiter, aber auch Frauen und Kinder zu Hungerlöhnen eingestellt.

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