Europa - 1914 (vor dem Ersten Weltkrieg)

Geschichte - Territorialer Wandel in Europa von 1914 bis 1949

978-3-14-100380-2 | Seite 214 | Abb. 1
Europa | 1914 (vor dem Ersten Weltkrieg) | Geschichte - Territorialer Wandel in Europa von 1914 bis 1949 | Karte 214/1

Überblick

Europas Staatenwelt des frühen 20. Jahrhunderts hatte seit 1848 starke Veränderungen erfahren. Am deutlichsten zeigten sie sich im Südosten des Kontinents. 1878 hatten sich die Staatsmänner der führenden Großmächte Europas auf dem Berliner Kongress getroffen, um den Balkankonflikt zwischen Russland, Großbritannien und Österreich-Ungarn zu schlichten. Durch den Berliner Frieden waren Rumänien, Serbien und Montenegro zu unabhängigen Staaten geworden, Österreich-Ungarn hatte die Verwaltung Bosniens und der Herzegowina übernommen. Doch die international garantierte Ordnung auf dem Balkan führte zu neuen Spannungen. 1912 schlossen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro den Balkanbund zur Beseitigung der osmanischen Herrschaft auf dem europäischen Festland. Im Ersten Balkankrieg kämpften die Bundesmitglieder zusammen mit dem aufständischen Albanien gegen das Osmanische Reich, das den größten Teil seines europäischen Landbesitzes verlor. Im Zweiten Balkankrieg (1913) verbündete sich Serbien mit dem Osmanischen Reich, Griechenland und Rumänien gegen Bulgarien. In diesem Krieg ging es vor allem um die Verteilung der im Ersten Balkankrieg gewonnenen Gebiete. Die Tatsache, dass Serbien als Hauptsieger aus den Auseinandersetzungen hervorging, erzeugte einen Teil jener Spannungen, die sich im Ersten Weltkrieg entluden. Österreich-Ungarn war bis 1914 ein Vielvölkerstaat, dem neben den beiden Staatsvölkern unter anderem Tschechen, Slowaken, Ukrainer, Serben, Kroaten, Slowenen, Rumänen und Italiener angehörten. Italien war ein ebenso junges Staatsgebilde wie das Deutsche Reich. 1861 hatte Viktor Emanuel II. den Titel eines Königs angenommen, obgleich er nicht unumstritten und Rom immer noch französisch besetzt war. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 bot Italien die Gelegenheit, Rom zu erobern und zur Hauptstadt eines vereinten Italien zu machen. Die riskante deutsche Außenpolitik unter Kaiser Wilhelm II. brüskierte wiederholt die benachbarten Mächte. Das ambitionierte Vorhaben einer „starken deutschen Flotte“ brachte das Deutsche Reich vor allem in einen Gegensatz zu Großbritannien. Die Marokkokrisen von 1905 und 1911 und die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich im Sommer 1908 trugen zur Verschärfung der internationalen Spannungen bei. Sowohl die Ententemächte Großbritannien, Frankreich und Russland als auch die sogenannten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn begannen massiv aufzurüsten und sich auf einen Krieg vorzubereiten. In Großbritannien wurden ab 1906 verstärkt moderne Kriegsschiffe gebaut. Deutschland entwickelte unter anderem Artilleriegeschütze, Frankreich arbeitete an neuen Schnellfeuer- und Maschinengewehren. Gleichzeitig wuchsen durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die Streitkräfte der kontinentaleuropäischen Mächte zu Millionenheeren an.

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