Euphrat und Tigris - Wassernutzung

Naher und Mittlerer Osten

978-3-14-100700-8 | Seite 162 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 12.000.000
Euphrat und Tigris | Wassernutzung | Naher und Mittlerer Osten | Karte 162/2

Informationen

Die Karte zeigt Aspekte der Wasserverteilung und Wassernutzung im Euphrat-Tigris-Becken, einem der gegenwärtig brisantesten Krisenherde der Welt. Die Region des Vorderen Orients ist durch scharfe Gegensätze der Niederschlags- und Wasserverteilung gekennzeichnet. In den Kettengebirgen des "fruchtbaren Halbmonds", die im Norden, Osten und — außerhalb des Kartenbereiches — auch im Westen das Euphrat-Tigris-Becken einrahmen, kommt es zu teils ergiebigen, zumeist winterlichen Niederschlägen. Aus diesen Überschussgebieten fließt das Wasser durch die angrenzenden Trockenräume, wo Euphrat und Tigris als Fremdlingsflüsse die Grundlage für eine ausgedehnte Bewässerungswirtschaft bilden.

Knappheit und Konflikte
In den dargestellten Ländern hat die verfügbare Wassermenge pro Kopf der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen, weil die Wasserressourcen auf niedrigem Niveau unverändert geblieben sind, während die Bevölkerungszahlen steigen. Unter diesen Bedingungen verschärfen sich die Verteilungskonflikte ums Wasser sowohl zwischen den Anrainerstaaten der grenzüberschreitenden Gewässer als auch zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Interessengruppen innerhalb der einzelnen Länder.
Mit steigendem Bedarf für die Trinkwasserversorgung und Industrie wird zukünftig immer weniger Wasser für die Landwirtschaft zur Verfügung stehen. Die Wüstenstaaten Jordanien und Saudi-Arabien sind schon jetzt kaum noch in der Lage, in größerem Umfang Bewässerungslandwirtschaft zu betreiben, aber auch in Syrien zeichnet sich ein Austrocknen der alten Bewässerungskulturen ab. Im Irak ist die Lage am Tigris bisher (noch) weniger dramatisch, weil er durch Nebenflüsse aus dem Iran versorgt wird. Die Bewässerungswirtschaft in Syrien ist hingegen sehr viel stärker von der Türkei abhängig.

Das Südostanatolienprojekt der Türkei
Das Wasser von Euphrat und Tigris stammt überwiegend aus dem anatolischen Hochland in der Türkei. Seit Ende der 1980er-Jahre wird dieses vorwiegend von Kurden besiedelte Gebiet Südostanatoliens durch 20 große Dammbauten und die Anlage von Kanälen in ein riesiges Bewässerungsgebiet umgewandelt. Die politische Brisanz des Südostanatolienprojektes (GAP) besteht darin, dass die beiden Unterlieger an Euphrat und Tigris, die Länder Syrien und Irak, bereits früher an ihren Flussabschnitten Staudämme zur Erschließung von Bewässerungsperimetern errichtet haben. In Folge des Baus der türkischen Stauanlagen können der 1973 errichtete Assad-Damm in Syrien und die 1913, 1956 und 1983 im Irak gebauten Großdämme am Euphrat nicht mehr wie früher gefüllt werden. Die zugehörigen Bewässerungsgebiete mit ihren hunderttausenden von Bauern sind akut gefährdet.
Die Türkei ist durch die ausgedehnten hydraulischen Projekte inzwischen in der Lage, den beiden Nachbarländern buchstäblich das Wasser abzudrehen, was in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach und zum Teil ohne Vorwarnung geschah. Damit schürt die Türkei — immerhin ein NATO-Partner! — an ihrer Südgrenze ein erhebliches Konfliktpotenzial, und sie kann zugleich das dosierte "Drehen am Wasserhahn" einsetzen, um die Nachbarländer zu einer konformen Politik — beispielsweise in der Kurdenfrage — zu bewegen.
D. Müller-Mahn

Google Maps

Zur Orientierung

Die Lage und Ausdehnung dieser Diercke Karte kannst Du Dir zur Orientierung als Kartenrahmen in Google Maps anzeigen lassen.

Jetzt orientieren