Erwerbstätigkeit und Wirtschaftskraft

Deutschland - Wirtschaftsstruktur

978-3-14-100700-8 | Seite 65 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 6.000.000
Erwerbstätigkeit und Wirtschaftskraft |  | Deutschland - Wirtschaftsstruktur | Karte 65/2

Informationen

Die Wirtschaftssysteme aller Länder befinden sich in einem ständigen Wandel. Während das Niveau der Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen, das auch als Produktivitätsniveau bezeichnet wird, in erster Linie anzeigt, in welchem Maße es einem Land oder einer Region gelungen ist, sich im nationalen und internationalen Wettbewerb zu positionieren, gibt die Beschäftigungsentwicklung eher einen Hinweis darauf, ob diese Position im betrachteten Zeitraum verbessert werden konnte oder ob vielmehr strukturelle Defizite einer positiven Beschäftigungsentwicklung im Wege stehen.

Ungleichgewicht zwischen Ost und West
In Deutschland gibt es auch mehr als 15 Jahre nach der deutschen Einheit noch erhebliche Ost-West-Disparitäten. Diese zeigen sich sowohl im Niveau der Wirtschaftskraft als auch in der Beschäftigungsentwicklung. Während vor allem die großen westdeutschen Städte und Verdichtungsräume wie Hamburg, München, Düsseldorf, Stuttgart und das Rhein-Main-Gebiet ein weit überdurchschnittliches Produktivitätsniveau realisieren — hier lag die Bruttowertschöpfung in den Jahren 2001 bis 2003 bei mehr als 55 000 Euro je Erwerbstätigen —, weisen vor allem die ostdeutschen Regionen flächendeckend noch beachtliche strukturelle Defizite auf. Diese manifestieren sich zum einen in dem äußerst niedrigen Produktivitätsniveau einiger Raumordnungsregionen wie Oberlausitz-Niederschlesien, Südwestsachsen, Nordthüringen und Vorpommern, die nicht einmal 37 000 Euro je Erwerbstätigen erzielten, zum anderen aber auch in der sehr ungünstigen Beschäftigungsentwicklung in diesen Regionen. Während die Beschäftigtenzahl in den alten Ländern von 1995 bis 2003 relativ stabil blieb, wurde in den neuen Ländern fast jeder sechste Arbeitsplatz abgebaut. Nur wenige ostdeutsche Regionen, die entweder über ein leistungsfähiges Zentrum verfügen — wie das Obere Elbtal und das Osterzgebirge — oder die sich zumindest im Umland eines solchen befinden — wie Havelland-Fläming —, verzeichneten einen etwas geringeren Beschäftigungsrückgang, was hier im betrachteten Zeitraum schon als Erfolg gewertet werden kann. Im Falle von Südthüringen wirkte sich die Nähe zu Bayern günstig auf die Beschäftigungssituation aus. Vereinzelte Standortverlagerungen und/oder die Nähe zu westdeutschen Arbeitsmärkten können in diesen "früheren Grenzregionen" neue Arbeitsplätze schaffen und/oder vorhandene sichern.
Das Spektrum der Beschäftigungsentwicklung ist in Deutschland außerordentlich hoch. Während die besten westdeutschen Regionen Ingolstadt, München, Landshut, Regensburg und Oldenburg zwischen 1995 und 2003 einen Beschäftigungszuwachs von über 5 Prozent realisierten, mussten die ostdeutschen Regionen Oberlausitz-Niederschlesien, Mecklenburgische Seenplatte, Uckermark-Barnim, Dessau, Halle/Saale und Lausitz-Spreewald einen Rückgang von über 20 Prozent verkraften.
Auch das ostdeutsche Produktivitätsniveau lag von 2001 bis 2003 noch flächendeckend deutlich unter dem westdeutschen Vergleichswert. Mit einer Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen von 40 242 Euro erreichten die ostdeutschen Regionen gerade einmal 78 Prozent des Westniveaus. Einzig Berlin kann sich mit einem Wert von 45 764 Euro in die Phalanx der westdeutschen Regionen einreihen.
Auch wenn sich die Produktivität in den neuen Ländern in dem Zeitraum von 1994 bis 2003 in allen Raumordnungsregionen zum Teil stärker noch als in den alten Ländern erhöht hat, ist es dort noch nicht zu einem Beschäftigungszuwachs gekommen. In den neuen Ländern muss erst die Produktivitätslücke zu den alten Ländern geschlossen werden, damit ein erreichter Zuwachs an Bruttowertschöpfung auch mit einem Beschäftigungszuwachs einhergehen kann.
Der starke Beschäftigungsrückgang, der nur wenige westdeutsche, vor allem aber die ostdeutschen Regionen betraf, ist für die Absicherung der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland eine große Herausforderung. Da die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten — zu denen alle Personen zählen, die Arbeiter (Lohnempfänger) bzw. Angestellte (Gehaltsempfänger) sind oder die sich in beruflicher Ausbildung befinden — zugleich auch Beitragszahler der gesetzlichen Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung sind, ergeben sich aus dem Beschäftigungsabbau für die Kassen der Sozialsysteme enorme Einnahmeverluste.
So verringerte sich von 1995 bis 2003 die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beitragszahler deutschlandweit um fast 1,2 Mio. Menschen (neue Länder: minus 1,13 Mio.), während die Zahl der Arbeitslosen um 765 000 Personen anstieg (neue Länder: plus 439 000). Eine sinkende Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter musste demnach die — auch infolge der wachsenden Arbeitslosigkeit — steigenden Ausgaben der sozialen Sicherungssysteme finanzieren.
S. Maretzke

Graphiken

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Beschäftigungsentwicklung im Vergleich

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Wert aller im Dienstleistungsbereich erbrachten Leistungen

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Die Struktur des tertiären Sektors in Deutschland (2003)

Tertiärisierung bedeutet, dass der tertiäre Sektor an der Zahl der Beschäftigten und am Beitrag des Bruttonationaleinkommen gemessen, der bedeutendste Wirtschaftszweig ist.
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Bruttowertschöpfung im Ruhrgebiet (1980-2005)

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Prozentanteile der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung in Niedersachsen (2006)

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