Erde - Wirtschaftskraft pro Einwohner

Erde - Wirtschaftskraft und Welthandel

978-3-14-100870-8 | Seite 42 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 120.000.000
Erde | Wirtschaftskraft pro Einwohner | Erde - Wirtschaftskraft und Welthandel | Karte 42/2

Überblick

Um Vergleiche zwischen Ländern unabhängig von der Bevölkerungszahl und Abschätzungen des verfügbaren Einkommens der Einwohner durchführen zu können, wird das BNE in Beziehung zur Einwohnerzahl gesetzt (BNE pro Kopf). Als Teilindikator geht dieser Wert - nicht unumstritten - in die Berechnung des HDI ein (s. 40.1).

Im Kartenbild zum BNE pro Kopf und Jahr zeigen sich räumliche Strukturen, die denen anderer Entwicklungs- und Wirtschaftsindikatoren ähneln. Auf globaler Ebene bestehen Gegensätze zwischen Nordamerika, Europa und Teilen Westasiens, Ostasiens und Lateinamerikas einerseits (jeweils überdurchschnittliche Werte) und weiten Teilen Afrikas, Asiens und den anderen Teilen Lateinamerikas andererseits (unterdurchschnittliche Werte). Innerhalb Europas zeigt sich ein gewisser West-Ost-Gegensatz. Die Karte zeigt auch, dass insbesondere in den Ländern mit einem niedrigen bis mittleren BNE pro Kopf ein vergleichsweise großer Teil der Wirtschaftsaktivitäten nicht statistisch erfasst wird (informeller Sektor und Subsistenzwirtschaft). Dies wird in der Karte durch Flächensignaturen veranschaulicht. In vielerlei Hinsicht kann eine große Bedeutung des informellen Sektors mit wirtschaftlichen Strukturproblemen in Zusammenhang gebracht werden. Große Bevölkerungsgruppen in den betroffenen Ländern haben keine Möglichkeit, ein geregeltes, ausreichend hohes Einkommen zu erwirtschaften, das ihnen einen Mindestlebensstandard und die Befriedigung der Grundbedürfnisse sichert.

Bei Aussagen anhand des BNE pro Kopf ist zu beachten, dass der Durchschnittswert wenig über die oft sehr ungleiche Verteilung innerhalb der Bevölkerung eines Landes aussagt. Durch das BNE pro Kopf werden eher das Ausmaß wirtschaftlicher Aktivitäten und der Zufluss von Einkommen vergleichbar gemacht als die reale Einkommenssituation großer Bevölkerungsgruppen. Zwischen der Wirtschaftskraft eines Landes und den Einkommen der Einwohner können daher bedeutende Diskrepanzen bestehen. Am geringsten fallen sie ins Gewicht in hoch entwickelten Ländern mit einer gut funktionierenden Verwaltung, gut ausgebauten sozialen Sicherungssystemen und vergleichsweise geringen Korruptionsproblemen. In diesen Ländern korreliert die Kaufkraft pro Einwohner, also das für den Konsum verfügbare jährliche Einkommen der Einzelnen, stark mit der Wirtschaftskraft des Landes, auch wenn es innerhalb einer Gesellschaft zum Teil erhebliche Gegensätze gibt. Im Unterschied dazu ist die Wirtschaftskraft pro Einwohner in Ländern mit schwacher Staatlichkeit, unzureichenden oder ganz fehlenden Sozialsystemen und hoher Korruption in der Regel sehr gering. Das trifft vor allem für viele Länder in Afrika südlich der Sahara zu, aber auch für Staaten in Süd- und Südostasien. Nigeria beispielsweise, das bevölkerungsreichste Land in Afrika, erzielt als eines der bedeutendsten Erdöl exportierenden Länder jedes Jahr Milliardengewinne aus dem Erdölgeschäft, die Einnahmen aber gehen aufgrund der grassierenden Korruption im Land fast vollständig an der Bevölkerung vorbei.

Ein anderer Gegensatz, der durch das BNE pro Kopf verwischt wird, ist der zwischen Großstädten und ländlichen Räumen. In vielen Ländern existiert in dieser Hinsicht ein starkes Entwicklungsgefälle. Es macht sich etwa in Indien dadurch bemerkbar, dass die Wirtschaftskraft pro Einwohner trotz einiger global bedeutender Industrie- und Dienstleistungszentren unterdurchschnittlich bleibt.

Zum Begriff der Kaufkraft

Seit in vielen Ländern Europas mit dem Euro bezahlt wird, können Preisunterschiede direkt verglichen werden. Ein Essen in einem Restaurant kostet in Deutschland schnell 25 Euro pro Person. In Polen sind es dagegen oft nur rund 12 Euro. Allerdings sind die Einkommen der Menschen in Deutschland viel höher als in Polen.

Um solche Unterschiede in der Kaufkraft zu erkennen und zu berücksichtigen, wird das Bruttonationaleinkommen nach Kaufkraft (US-$ nach Kaufkraft/KKS) berechnet. Dafür wählen Statistiker einen fiktiven "Warenkorb". Er enthält wichtige Dinge des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Telefonkosten. In Deutschland ist so ein Warenkorb teurer als im EU-Durchschnitt, in Polen billiger. Aber: Für zum Beispiel 15 US-$ nach Kaufkraft bekommt man in Deutschland und Polen genau die gleiche Ware, zum Beispiel ein T-Shirt.

US-$ nach Kaufkraft ist also eine künstliche Währung, die es nur in der Statistik gibt. Gibt man das BNE in dieser Währung an, dann kann man es international gut vergleichen. Im Jahr 2015 beispielsweise hatte Deutschland ein BNE pro Kopf/Jahr von 45 940 US-$ bzw. 48 410 US-$ nach Kaufkraft. Für Polen waren es 13 340 US-$ bzw. 25 350 US-$ nach Kaufkraft. Tatsächlich war also das BNE pro Kopf im Jahr 2015 in Deutschland nur knapp 2-mal höher als in Polen und nicht 3,4-mal, wie es der Wert in US-Dollar ohne Berücksichtigung der Kaufkraft aussagt.

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