Erde - Verwundbarkeit und ihre Messung - Gefährdung

Erde - Naturrisiken und Verwundbarkeit

978-3-14-100800-5 | Seite 252 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 240.000.000
Erde | Verwundbarkeit und ihre Messung | Erde - Naturrisiken und Verwundbarkeit | Karte 252/1

Überblick

Das Modell, das in den Karten 252.1 und 252.2 dargestellt ist, erklärt das Risiko einer Naturkatastrophe durch das Zusammentreffen einer Gefährdung durch ein extremes Naturereignis mit einer verwundbaren Gesellschaft. Der Grad der Verwundbarkeit ist abhängig von drei Bedingungsfeldern: der Anfälligkeit, den Bewältigungskapazitäten und den Anpassungskapazitäten (s. 252.1).

Die Anfälligkeit steht für den Entwicklungsstand und die sozioökonomischen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft oder eines staatlichen Systems. Das Modell geht davon aus, dass Naturkatastrophen in Ländern mit hohem Entwicklungsstand bzw. hoher Wirtschaftskraft geringere Folgen haben als in Ländern mit niedrigem Entwicklungsstand bzw. niedriger Wirtschaftskraft. Dabei spielt auch die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle. Denkbar sind wirtschaftsstarke Länder, in denen eine große Bevölkerungsgruppe unter Armut leidet. In deren Wohnvierteln könnte etwa die öffentliche Infrastruktur fehlen, die im Falle eines Wirbelsturms Voraussetzung für ein Vorwarnsystem wäre. Dies würde sich in höheren Opferzahlen als in anderen Wohnvierteln äußern.

Die Bewältigungskapazitäten stehen für die Fähigkeit, im Falle eines extremen Naturereignisses dessen Auswirkungen zu minimieren. Das Modell geht davon aus, dass dies in Ländern mit zum Beispiel guter Regierungsführung, einer Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau für alle Einwohner und einem verbreiteten Versicherungsschutz gegen Naturkatastrophen besser gelingt als in Länder, die darüber nicht verfügen. Häufig sind es Länder mit hohem Entwicklungsstand bzw. hoher Wirtschaftskraft, in denen die Bewältigungskapazitäten hoch sind.

Die Anpassungskapazitäten stehen für die Fähigkeit, langfristige Strategien zu entwickeln, mit denen das Risiko, Opfer eines extremen Naturereignisses zu werden, vermindert werden kann. Das Modell geht davon aus, dass Länder mit dieser Fähigkeit ihre Anfälligkeit langfristig senken können. Dies könnte zum Beispiel durch Bildungsarbeit in Schulen zum Verhalten bei Tsunamis oder durch die Vermeidung der Besiedlung oder Nutzung stark gefährdeter Steilhänge erfolgen, die im Falle von Erdbeben ins Rutschen geraten könnten.

Die drei Teilkomplexe der Verwundbarkeit werden jeweils durch Indikatoren erfasst und quantifiziert (s. 252.1; Grafik links).

Die Gefährdung ergibt sich aus den Eintrittswahrscheinlichkeiten ausgewählter extremer Naturereignisse (Erdbeben, tropische Wirbelstürme, Sturmfluten, Vulkanausbrüche, Folgen des Klimawandels; s. 252.2) in Verbindung mit der Zahl potenziell betroffener Menschen (s. 252.1). Aus der Kombination von Verwundbarkeit und Gefährdung ergibt sich der Weltrisikoindex, der in der Karte 252.1 in fünf Abstufungen auf Länderebene dargestellt ist.

Somit ergibt sich im Modell die Höhe des Risikos, Opfer einer Naturkatastrophe zu werden, zu wesentlichen Teilen aus gesellschaftlichen Verwundbarkeitsbedingungen und nicht allein über die Eintrittswahrscheinlichkeit oder die möglichen Stärke eines extremen Naturereignisses. Praktische Bedeutung erhält das Modell, indem die Analyse der Verwundbarkeit im Umkehrschluss zu den Möglichkeiten der Vorsorge führt. Setzt man voraus, dass das Naturereignis außerhalb menschlicher Einflussmöglichkeiten liegt, so kann das Risiko dennoch durch die Herabsetzung der Verwundbarkeit aktiv gemindert werden.

Zur Naturgefahren und Naturrisiken

Weltweit werden pro Jahr mehr als eine Millionen Erdbeben registriert. Sie sind allerdings nicht gleichmäßig verteilt, sondern konzentrieren sich auf bestimmte Teile der Erdoberfläche, die Plattengrenzen (s. 242.2–3). Wegen ihrer großen Verbreitung, ihrer Unberechenbarkeit und der großen Bandbreite an möglichen Schäden in besiedelten Gebieten zählen sie zu den gefährlichsten Naturereignissen. Starke Erdbeben lösen Folgeprozesse wie Tsunamis (s. 253.4), Schlammströme und Hangrutschungen aus.

Jedes Jahr gibt es weltweit etwa 30 bis 100 tropische Wirbelstürme. Sie werden in der Karibik als Hurrikane, im indonesischen Raum als Taifune und im Bereich von Australien als Willy Willies bezeichnet. Tropische Wirbelstürme können sich nur über Meeren mit Wassertemperaturen von mindestens 26 bis 28 Grad Celsius entwickeln.

Im Gegensatz zu tropischen Wirbelstürmen sind Tornados deutlich kleinräumiger (s. Modell im Atlas). Sie entstehen im Sommer und kommen am häufigsten im Mittleren Westen der USA vor.

Bei Sturmfluten wird durch einen auflandigen Sturm ein außergewöhnlich hoher Wasserstand an flachen Küsten, vor allem in Buchten und Mündungstrichtern großer Flüsse hervorgerufen. Dadurch werden oft schwere Überschwemmungen und Zerstörungen hervorgerufen. Ein besonders hohes Risiko besteht in stark gegliederten Küstenabschnitten, in denen Gezeiten herrschen und die eine Sturmflut im ungünstigen Fall noch einmal verstärken können.

Mehr als 75 Prozent der gegenwärtigen vulkanischen Aktivitäten sind auf den circumpazifischen „Feuerring“ konzentriert. Dort ist eine ganze Kette aktiver Vulkane parallel zu den Tiefseegräben angeordnet. Gefährlich sind weniger die Orte mit stetigem, effusivem Vulkanismus (s. 199.2), zum Beispiel in Hawaii, sondern vor allem Orte mit explosivem Vulkanismus, zum Beispiel Vesuv (s. 136.2).

Aufgrund des globalen Klimawandels werden sich die durchschnittlichen Temperaturen bis zum Ende dieses Jahrhunderts weltweit erhöhen, zum Teil sogar erheblich. Allerdings werden die verschiedenen Weltregionen und Klimazonen unterschiedlich stark von diesem Wandel betroffen sein. Aus dem Temperaturanstieg ergibt sich eine Reihe von Folgeeffekten. Der Meeresspiegelanstieg betrifft vor allem Inselstaaten im Pazifischen und Indischen Ozean, deren Territorium in nur geringer Höhe über dem Meeresspiegel liegt, aber auch Länder wie die Niederlande, deren Gebiet zu großen Teilen dem Meer abgerungen wurde und das heute unterhalb des Meeresspiegels liegt (s. 121.4).

Eine der wichtigsten indirekten Folgen der globalen Erwärmung sind regionale Veränderungen der Niederschlagsverteilung (s. 250.3). Dabei wird für weite Teile der tropisch-subtropischen Trockengebiete ein weiterer Niederschlagsrückgang vorhergesagt. In den mittleren und polaren Regionen werden die Niederschläge hingegen voraussichtlich zunehmen, weil mit der dort verstärkten Erwärmung ein größeres Feuchtigkeits- und damit Niederschlagspotenzial der Luftmassen einhergeht. Darüber hinaus trägt ein größerer Energiegegensatz zwischen Äquator und Polargebieten in den höheren Atmosphärenschichten zu einer verstärkten Zirkulation und Bildung von dynamischen Tiefdruckgebieten bei. Mit ihnen geht auch eine Meridionalisierung der Wetterlagen einher, durch die gerade in den mittleren Breiten extreme Witterungserscheinungen wie Dürre- und Hitzeperioden ebenso vermehrt auftreten werden wie Hochwasser und Stürme. In zahlreichen Regionen wird in der Folge des Klimawandels die landwirtschaftliche Nutzung erschwert sein.

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