Erde - Verstädterung

Erde - Bevölkerung

978-3-14-100803-6 | Seite 277 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 180.000.000
Erde | Verstädterung | Erde - Bevölkerung | Karte 277/4

Überblick

Während 1950 noch rund 70 Prozent aller Menschen weltweit auf dem Land lebten, gab es 2006 erstmals in der Menschheitsgeschichte ebenso viele Städter wie Landbewohner. Und dieser Trend zur Verstädterung setzte sich seitdem ungebrochen fort: 2014 lebten bereits 53 Prozent aller Menschen in Städten, 2030 werden Städter nach aktuellen Prognosen einen Anteil von 60 Prozent an der Weltbevölkerung haben, bis 2050 soll ihr Anteil auf 70 Prozent steigen.

Urbanisierung in Industrie- und Entwicklungsländern

Der Verstädterungsgrad liegt in allen Industrieländern – nach Definition der Vereinten Nationen zählen dazu ganz Europa, Nordamerika, Australien, Japan und Neuseeland – und einem Teil der Schwellenländer schon heute mindestens über 50 Prozent, zu einem großen Teil über 75 Prozent. Im Durchschnitt weisen die Industrieländer einen Urbanisierungsgrad von 77 Prozent auf. In diesen Ländern, in denen der Trend zur Verstädterung bereits mit Beginn der Industrialisierung im späten 18. und 19. Jahrhundert einsetzte, ist der Prozess heute im Wesentlichen abgeschlossen. Zwar wird es auch hier weiterhin urbane Wachstumszentren geben, dennoch erwarten die Experten für die kommenden 25 Jahre nur noch eine vergleichsweise moderate Zunahme der Stadtbevölkerung.

Ein besonders starkes Wachstum werden hingegen auch in naher Zukunft viele Großstädte in den Schwellen- und Entwicklungsländern erleben, in denen sich der Urbanisierungstrend seit etwa 1975 massiv verstärkt hat. In diesen Ländern ist die Verstädterung Indikator eines für Entwicklungsländer typischen Entwicklungsgefälles zwischen Stadt und Land und massiver Strukturprobleme. Die Stadtbevölkerung wächst dort ebenso rasant wie unkontrolliert, weil auf dem Land die Erwerbsmöglichkeiten fehlen. Verstärkt wird diese Tendenz durch das natürliche Bevölkerungswachstum, das gerade in Entwicklungsländern oft überdurchschnittlich hoch ausfällt (vgl. 276.3). Da der Ausbau der städtischen Infrastruktur mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten kann, haben sich in den letzten Jahrzehnten die Slums und Armenviertel in vielen urbanen Zentren unkontrolliert ausgeweitet. Wie auf der Karte zu sehen ist, hat die Slumbevölkerung vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern der Südhemisphäre inzwischen einen erheblichen Anteil an der Stadtbevölkerung. Allein in Brasilien ist die Favela-Bevölkerung in den Jahren 2000 bis 2010 von 6,5 Mio. auf 11,4 Mio. Menschen angewachsen. Nähme man die Favelas als Gruppe in der Liste der bevölkerungsreichsten Staaten auf, würden allein die Armenviertel Brasiliens Platz 74 von 196 belegen.

Im Jahre 2005 wurden weltweit erstmals 20 sogenannte Megacities mit einer Bevölkerung von über 10 Mio. Menschen registriert. Bis 2014 war die Zahl dieser Riesenstädte bereits auf 30 angewachsen. Zwei Drittel von ihnen liegen in Lateinamerika und im asiatischen Raum. Wie auf dem Kartenbild gut zu sehen, befinden sich fast alle Megacities, die zwischen 1990 und 2014 ein deutlich überproportionales Wachstum von teilweise über 100 Prozent verzeichneten, in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo der Druck auf die Städte durch das Zusammenspiel von Stadt-Land-Gefälle und Bevölkerungswachstum besonders hoch ist. Das wiederum führt dazu, dass immer mehr Menschen unter Bedingungen leben müssen, die sich durch extreme Armut, bedrückende Wohnverhältnisse, katastrophale hygienische Defizite und einen allgemeinen Mangel an Perspektiven auszeichnen.

Ein Merkmal insbesondere strukturschwacher Länder ist die Ausbildung von Primate Cities, einem urbanen Zentrum von nationaler Bedeutung, das oft, aber keineswegs notwendig, mit der Hauptstadt identisch ist. Häufig zeichnen sich Primate Cities durch ein überdurchschnittliches Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, zentrale Hauptstadt- und Handelsfunktionen und eine überregionale kulturelle Ausstrahlung aus. Überdies gibt es innerhalb des nationalen Städtesystems keine weiteren Städte von vergleichbarer Bedeutung. Dieses Phänomen lässt sich in jüngster Zeit vor allem in vielen afrikanischen Ländern wie Senegal, Liberia, Somalia oder Tschad beobachten, aber auch alte europäische Hauptstädte wie London und Paris haben wesentliche Züge einer solchen Primatstadt.

Mehr anzeigen