Erde - Menschen besiedeln die Erde

Ur- und Frühgeschichte

978-3-14-100870-8 | Seite 24 | Abb. 1
Erde | Menschen besiedeln die Erde | Ur- und Frühgeschichte | Karte 24/1

Überblick

Im Stammbaum des Menschen gibt es zwei große Abspaltungen, und beide ereigneten sich in Afrika. Die erste und entscheidende war die Trennung der Menschenartigen von den Menschenaffen vor annähernd 7 Mio. Jahren (Sahelanthropus tchadensis). Vor rund 4 Mio. Jahren begann die Zeit der Australopithecinen, von Vormenschen, die moderner waren als Menschenaffen, aber noch zu primitiv, um Werkzeuge herzustellen. Vor etwa 2,5 Mio. Jahren beherbergte der afrikanische Kontinent bereits eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher Vormenschenarten.
Etwa zu dieser Zeit kam es zur zweiten großen Abspaltung, als in Süd- und Ostafrika mit dem Homo habilis und dem Homo rudolfensis erste Vertreter der Gattung Homo in Erscheinung traten. Im Unterschied zu den Vormenschen stellten diese Frühmenschen Geröllwerkzeuge her. Der Homo erectus, der sich vor mindestens 1,8 Mio. Jahren in Afrika entwickelte, war vermutlich der erste Vertreter der Gattung, der den Kontinent verließ, um fremde Regionen zu besiedeln. Zunächst erreichte er die Arabische Halbinsel, dann China und Java, vor rund 900 000 Jahren gelangte er nach Italien, dann nach Spanien. Der Homo erectus hatte eine stattliche Größe von bis zu 1,80 Meter, ein vergleichsweise großes Gehirn und beherrschte das Feuer. In Europa wurde er zum Stammvater des Homo heidelbergensis (600 000 – 200 000), aus dem sich der Neandertaler entwickelte. Homo neanderthalensis war an ein Leben unter eiszeitlichen Bedingungen angepasst, fossile Überreste dieses Menschentyps wurden in Europa und Vorderasien gefunden.
Während in Europa die Blütezeit der Neandertaler begann, vollendet sich in Afrika die Entwicklung zum anatomisch modernen Menschen. Die bislang ältesten Fossilien, die zweifelsfrei dem Homo sapiens sapiens zugeordnete werden können, sind 160 000 Jahre alt und stammen aus Äthiopien. Während lange die These diskutiert wurde, dass sich der moderne Menschen auf verschiedenen Kontinenten unabhängig voneinander aus dem Homo erectus der ersten Auswanderungsphase entwickelt haben könnte („multiregionale Theorie“), gilt inzwischen als ziemlich sicher, dass sich der Homo sapiens in Afrika entwickelte und von dort aus über die Welt verbreitete.
Zunächst wanderte er in den Nahen Osten ein, von dort zog er weiter nach West- und Südostasien. Während der Würm- bzw. Weichseleiszeit waren große Wassermassen in Form von Gletschern gebunden, der Wasserspiegel lag daher um rund 100 Meter unter dem heutigen Niveau. Dadurch verwandelten sich flache Meere in breite Landbrücken, was die Ausbreitung des Homo sapiens in Südostasien und Ozeanien begünstigte. Von den Sundainseln, die er vor etwa 50 000 Jahren erreichte, gelangte er auf verschiedenen Wegen nach Australien (Vorfahren der Aborigines) und über die Archipel des südlichen Pazifiks bis nach Polynesien. Von dort drang der Homo sapiens auf einfachen Booten bis nach Hawaii und Neuseeland (Maoris) vor. Amerika war der letzte Kontinent, den der Jetztmensch besiedelt. Vor 18 000 Jahren war der Weg durch das heutige Kanada noch vom Inlandeis versperrt. Doch vor etwa 15 000 Jahren öffnete sich zwischen den riesigen Eisschilden, die den Norden des Kontinents bedeckten, eine eisfreie Passage, der Mackenzie-Korridor. Durch ihn zogen die Menschen, wahrscheinlich auf den Spuren wandernder Tierherden, nach Amerika, das sie innerhalb relativ kurzer Zeit von Norden bis Süden besiedelten.
In Europa war der Homo sapiens dagegen schon vor etwa 40 000 Jahren aufgetaucht. Sein erster Vertreter war der nach einem französischen Fundort benannte Cro-Magnon-Mensch, der das steinzeitliche Waffen- und Werkzeugspektrum erweiterte, ein Gefühl für Schönheit und Ästhetik entwickelte, die ersten Artefakte schuf (zum Beispiel Höhlengemälde, Venusfigurinen) und möglicherweise Rituale und Feste kannte. Rund 10 000 Jahre lang lebte er in der Nachbarschaft des Neandertalers, dessen Aussterben vor rund 30 000 Jahren der Forschung noch immer Rätsel aufgibt. Ob er von dem in allen Kulturtechniken überlegenen Homo sapiens, der unter anderem eine höhere Fertilität aufweisen konnte, sukzessive verdrängt wurde oder einem Klimawandel zum Opfer fiel, ist noch umstritten.

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