Erde - Globale Warenkette eines Smartphones

Erde - Globale Warenproduktion am Beispiel von Smartphones

978-3-14-100870-8 | Seite 46 | Abb. 1
Erde | Globale Warenkette eines Smartphones | Erde - Globale Warenproduktion am Beispiel von Smartphones | Karte 46/1

Überblick

Smartphones sind ein typisches Beispiel für eine globalisierte Produktionskette mit ihren komplexen Zulieferbeziehungen. Zuletzt wurden weltweit jeweils rund 1,8 Mrd. neue Geräte pro Jahr verkauft. Ständig werden neue Modelle auf den Markt geworfen, überdies koppeln viele Mobilfunkanbieter ihre Verträge an den Verkauf neuer Geräte, um den Absatz in einem teils schon gesättigten Markt künstlich zu steigern. Aufgrund dieser Praxis werden viele funktionsfähige Geräte entsorgt, obwohl sie noch brauchbar sind. In Deutschland liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Smartphones bei nur rund 18 Monaten.

Mehr als die Hälfte aller Handys weltweit werden von den fünf großen Markenunternehmen Samsung, Nokia, Apple, LG und Huawei hergestellt. Allerdings kümmern sich diese Konzerne an Standorten wie dem Silicon Valley (s. 47.3) vorwiegend um Entwicklung, Design und Vertrieb, während sie die eigentliche Produktion in andere Entwicklungs--, Schwellen- und Industrieländer auslagern, überwiegend nach Ost- und Südostasien. Doch auch dort ist der Herstellungsprozess räumlich fragmentiert. Weil bei neuen Modellen oft Produktionsreihen mit Stückzahlen im mehrstelligen Millionenbereich aufgelegt werden, wird die Fertigung - organisiert von einem großen Auftragnehmer, in diesem Fall in Taiwan ansässig - auf viele Zulieferbetriebe und Produktionsstätten verteilt, die wiederum ihre Rohstoffe und Bauteile aus den unterschiedlichsten Quellen beziehen.

In einem Mobiltelefon werden ungefähr 30 verschiedene Metalle verbaut. Das Kupfer für die Leiterplatte eines Smartphones und das Lithium für den Akku kommen oft aus Chile, das Graphit für den Akku aus Indien, das Silizium für die Halbleiterelemente möglicherweise aus Osteuropa, das Gold für die SIM-Karte aus Südafrika, Kobalt aus Sambia, das Tantal (gewonnen aus Coltan) für den Kondensator aus der Demokratischen Republik Kongo und das Zinn für die Lötstellen aus Brasilien. Weil durch die Massenproduktion von Handys, Computern und anderen Mobilgeräten die Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen massiv gestiegen ist und sich deren Herkunft kaum zurückverfolgen lässt, kommt es seit vielen Jahren im Kampf um die begehrten Rohstoffe zu massiven Menschenrechtsverletzungen (s. 46.2).

Die Produktionsstätten, die an der Herstellung einer Smartphone-Baureihe beteiligt sind, werden von ihren Betreibern aus Rentabilitätsgründen immer wieder verlagert, bevorzugt in Regionen mit günstigen Lohnstückkosten, gut ausgebildeten Fachkräften sowie hohen Qualitäts- und Technologiestandards. So kann es sein, dass ...

• der Mikrokondensator, der dafür sorgt, dass sich der Akku schnell wieder auflädt, in Mexiko produziert wird,

• der Akku, das Gehäuse und die Kamera aus China kommen,

• das Spezialglas für die Touchscreens in Japan hergestellt wird,

• Halbleiterelemente für die Audiofunktionen und die Datenspeicherung aus Malaysia und Südkorea stammen,

• der von einem britischen Unternehmen entwickelte Mikroprozessor in Taiwan hergestellt wird,

• weitere Bauteile aus Brasilien oder Osteuropa kommen und

• die Software in den USA entwickelt wird.

Alle Einzelteile werden für die Endmontage an einen Ort meist in China, aber auch in Vietnam oder Südkorea geliefert (s. 47.4). Die ständig mögliche Verlagerung der Produktionsstandorte hat für die Produzenten den Vorteil, dass sich die Arbeitskräfte vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern kaum organisieren können. Zu den häufigsten sozialen und arbeitsrechtlichen Missständen bei der Handyproduktion zählen dort Lohndumping, exzessive Überstunden, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz, die Verletzung des Vereinigungsrechts und wachsende Arbeitsplatzunsicherheit aufgrund von Zeitverträgen und Zeitarbeitsfirmen.

Durch die enormen Stückzahlen bietet die Smartphone-Industrie weltweit zahlreiche Arbeitsplätze, zugleich bestehen aber auch gravierende soziale und ökologische Probleme. Ähnlich wie bei der Herstellung von Jeans oder T-Shirts erhalten die zahllosen Unternehmen, die von der Rohstoffgewinnung bis zur Endmontage an der Herstellung eines Smartphones beteiligt sind, gerade mal ein Drittel des Verkaufswerts, während zwei Drittel bei den Handykonzernen verbleiben, die die Geräte entwickelt haben und vertreiben. Ein großes Umweltproblem ist der entstehende Elektro-schrott. Obwohl Handys klein sind, enthalten sie viele wertvolle, aber auch einige potenziell gefährliche Inhaltsstoffe. Würden die Geräte sorgfältig recycelt, müssten weniger Metalle abgebaut und gefährliche Substanzen entsorgt werden. Tatsächlich wird in Europa nur etwa ein Drittel der Altgeräte fachmännisch entsorgt, in Asien und Afrika gibt es vielerorts gar keine Recyclingsysteme. In Ländern wie China, Indien oder Ghana erfolgt das "Recycling" in der Weise, dass Menschen im informellen Sektor ohne jegliche Schutzvorrichtungen die Geräte demontieren und einzelne Metalle entweder chemisch oder mittels Verbrennen herauslösen.

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