Donaudelta

Balkanhalbinsel – Wasser

978-3-14-100782-4 | Seite 66 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 1.000.000
Donaudelta |  | Balkanhalbinsel – Wasser | Karte 66/2

Informationen

Die Donau ist mit 2850 Kilometern Länge der zweitlängste Fluss in Europa (nach der Wolga mit 3688 Kilometern). Sie mündet mit einem fächerförmigen Delta, das eine Ausdehnung von rund 4300 km² hat, im rumänisch-ukrainischen Grenzgebiet ins Schwarze Meer. Das Delta bildet den Anfang einer internationalen Wasserstraße, die die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien, Ungarn, Slowakei, Österreich und Deutschland miteinander verbindet.

Biosphärenreservat
Die Donau ist der bedeutendste Vorfluter Südosteuropas und die Sammelader für die großen Flüsse der Ostalpen (Inn, Drau), der Karpaten (Theiß) und der östlichen Dinariden (Save). Am Beginn des Deltas westlich von Tulcea, am sogenannten Ceatal (sprich: Tschatál), beträgt der mittlere Durchfluss 7320 m³/sec. Allerdings sind die Differenzen zwischen Niedrigwasser (2000 m³/sec) und Hochwasser (24 000 m³/sec) erheblich. (Zum Vergleich: bei Passau wird ein mittlerer Durchfluss von 1415 m³/sec gemessen.) Flussabwärts vom Ceatal verteilt sich das Wasser auf die drei großen Stromarme Kilija (ca. 60 Prozent), St. Georg (ca. 30 Prozent) sowie Sulina (ca. 10 Prozent). Für den Personen- und Warentransport spielt der von der Mündung bis Regensburg schiffbare Fluss heute keine nennenswerte Rolle mehr, der Deltabereich ist unter diesem Aspekt sogar nahezu bedeutungslos.
Der sowohl aus rumänischer als auch aus ukrainischer Sicht entlegene und äußerst dünn bevölkerte Raum mit seinen rund 3,5 Einwohnern pro Quadratkilometer gilt als das größte Feuchtgebiet in Europa und als ein wichtiges Refugium für zahllose Pflanzen und Tiere. Der weite Mündungsbereich wird von großen Schilfbeständen beherrscht. Von der Strömung getrieben, bewegen sich schwimmende Schilfinseln durch den amphibischen Raum, der dauernder Veränderung unterworfen ist. Die Gewässer werden von natürlichen Dämmen eingefasst, die jedoch bei jedem (Sommer-)Hochwasser überflutet werden. Im Winter, wenn kontinentale Nordostwinde eisige Kälte bringen, frieren die Wasserläufe oft wochenlang zu. Im Februar beispielsweise kann die Temperatur bis auf minus 30 °C fallen. Trotz dieser harten Winter sind die Gewässer, Bruchwälder, Dünen und Wiesen des Deltas das Habitat vieler Vogelarten — darunter Enten, Pelikane, Reiher und Seeadler —, zahlreicher Fische, Amphibien und Insekten sowie von Wildkatzen und Mardern. 1991 wurde dieses einmalige Ökosystem UNESCO-Weltnaturerbe.

Küstenmorphologie
Parallel zur Küstenlinie reihen sich, vor allem im Bereich des St.-Georg-Arms, mehrere in Staffeln angeordnete Dünengürtel auf, die ältere Küstenlinien anzeigen. Die küstenmorphologischen Prozesse sind mit denjenigen in anderen Deltas vergleichbar. Am stark sedimentierenden Kilija-Arm wird die Küstenlinie vor allem östlich von Vylkove immer weiter vorgeschoben; gegenwärtig um vier bis fünf Meter pro Jahr. Noch im 15. Jahrhundert war der Hafen von Chilia Veche (Alt-Chilia) nur fünf Kilometer vom Meer entfernt, heute sind es etwa 30 Kilometer. Auch der südlich fließende St. Georg wächst kräftig ins Meer hinein. Seine Schwebstoffe — insgesamt rund 80 Mio. Tonnen pro Jahr — werden mit der Meeresströmung nach Südwesten transportiert. Die durch Ablagerungen entstandenen, lang gezogenen Nehrungen haben aus ehemaligen Meeresbuchten den heutigen Razim-See und die benachbarte Sinoie-Lagune geformt.
Der Sulina-Arm, mit 72 Kilometern der kürzeste der drei Stromarme, wächst aktuell nicht mehr. Zur Sicherung der Schiffspassage wurden Betonmauern bis weit in das Meer gezogen, wodurch die Schwebstoffe hinausgeführt werden und für den Küstenaufbau nicht mehr zur Verfügung stehen. Die zahlreichen stehenden Gewässer im Delta sind von der Sinkstoffzufuhr abgeschnitten, weshalb sie nur allmählich verlanden.
Ein Spezifikum der westlichen Schwarzmeerküste sind der Jalpuh- und der Kotlabuch-See auf der ukrainischen Seite des Deltas. Bei diesen langgezogenen, tiefen Seen handelt es sich um sogenannte Limane, "ertrunkene" pleistozäne Flussmündungen (Ria), die im Holozän durch die Ablagerungen der Donau vom offenen Meer abgetrennt wurden.
J.-B. Haversath