Deutschland - Wirtschaftsstruktur

Wirtschaftsstruktur

100849 | Seite 40 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 3.500.000
Deutschland | Wirtschaftsstruktur | Wirtschaftsstruktur | Karte 40/1

Überblick

Die Wirtschaftsstruktur Deutschlands wird von einer Vielzahl historischer, ökonomischer und sozialer Faktoren und Entwicklungen geprägt. Bestimmend sind vor allem die Sektor- und Branchenstrukturen, die Produktionsleistungen und die Wertschöpfung, die Kosten von Arbeit und Kapital, der private Konsum und nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

Ab Beginn der 1990er-Jahre wirkten sich vor allem drei Prozesse strukturell aus:

• Die Globalisierung führte in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas auch zu weitreichenden Veränderungen. Diese äußerte sich einerseits im Verlust von Arbeitsplätzen durch Verlagerung oder Stilllegung ganzer Produktionszweige, andererseits aber auch in starken wirtschaftlichen Impulsen (steigende Nachfrage nach Produkten aus Deutschland) und der Entstehung neuer wirtschaftlicher Schwerpunkte, zum Beispiel im Dienstleistungssektor.

• Die deutsche Wiedervereinigung löste einen tief greifenden Strukturwandel in der ostdeutschen Wirtschaft aus. Sie hatte sich 1990 in vielen Bereichen als nicht wettbewerbsfähig erwiesen. Zu den Folgen zählten unter anderem hohe Arbeitslosenzahlen und eine sprunghafte Zunahme der Binnenwanderung von den strukturschwachen in die strukturstarken Regionen.

• Die fortschreitende EU-Integration hat die wirtschaftlichen Bedingungen für die deutschen Unternehmen stark verbessert und Exporte in die anderen EU-Länder erleichtert. Diese sind der wichtigste Handelspartner Deutschlands.

Regionale Gegensätze bei BIP

Im Hinblick auf Erwerbstätigkeit und Wirtschaftskraft war und ist die Bundesrepublik von starken regionalen Disparitäten geprägt. Gab es in den 1950er- und 1960er-Jahren zunächst ein Nord-Süd-Gefälle zwischen den florierenden Regionen wie Rhein-Ruhr einerseits und wirtschaftlich schwächeren Regionen wie Bayern andererseits, kehrte sich dieser Trend ab den späten 1970er-Jahren um. Exemplarisch dafür sind der Aufstieg Münchens zur Hightech-Region und die Probleme des Strukturwandels, die der Niedergang der Montanindustrie im Ruhrgebiet auslöste. Seit der Wiedervereinigung wird der Gegensatz zwischen Süden und Norden von einem starken West-Ost-Gefälle überlagert.

Die höchste Wirtschaftskraft ist in großen Verdichtungsräumen konzentriert, die – mit Ausnahme von Berlin – im Westen Deutschland liegen. Sie fungieren als Motoren von Innovation und Wirtschaftsentwicklung und weisen die größten Zuwächse bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten auf. Nach einer Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wird die Entwicklungsdynamik auch in naher Zukunft von regionalen Disparitäten geprägt sein. Eine immer größer werdende Gruppe von Städten und Gemeinden in Deutschland wird mit Schrumpfungstendenzen konfrontiert sein, während nur eine relativ kleine Zahl von Entwicklungszentren mit einem kräftigen demografischen und wirtschaftlichen Wachstum rechnen kann.

Im Rahmen der Raumordnung (s. 72.1) versuchen die Bundesländer, Städte und Gemeinden, die beschriebenen regionalen Disparitäten abzubauen. Sie streben gleichwertige Lebensverhältnisse in den einzelnen Teilen Deutschlands an.

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Regionale Unterschiede in der Sektorenstruktur

Regional gibt es in Deutschland erhebliche sektorale Strukturunterschiede, wie vor allem der Dienstleistungssektor zeigt. In vielen Metropolregionen, zum Beispiel Hamburg, Berlin oder München, machen die Erwerbstätigen, die im Dienstleistungsbereich beschäftigt sind, deutlich mehr als drei Viertel aller Beschäftigten aus. In viele Küstenregionen, in denen der Tourismus eine große wirtschaftliche Bedeutung hat, zum Beispiel in Schleswig und Vorpommern, macht allein der Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr / Logistik mehr als ein Viertel der Beschäftigung aus.

Nur in wenigen Industrieregionen erreicht der sekundäre Sektor heute noch einen Anteil von deutlich über 25 Prozent, zum Beispiel in Südsachsen und dem Nordschwarzwald. Stadtregionen sind in Deutschland nur noch selten bedeutsame Industriestandorte. Entsprechend hat das produzierende Gewerbe in großen Ballungsräumen teilweise nur noch geringe Anteile nahe zehn Prozent.

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Langfristige sektorale Veränderungen

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der primäre Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Fischerei) in Deutschland stark an Bedeutung verloren. In ihm sind heute nur noch 1,5 Prozent der Erwerbstätigen beschäftigt (Stand 2014). Im sekundäre Sektor (produzierendes Gewerbe = Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Energieversorgung und Handwerk) arbeiten heute 24,6 Prozent der Erwerbstätigen. Mitte der 1970er-Jahre wurde der sekundäre Sektor erstmals vom tertiären Sektor (Handel, Verkehr und sonstige Dienstleistungen) übertroffen. Inzwischen arbeiten mehr als 74 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland im Dienstleistungsbereich.

In der ehemaligen DDR lag der Anteil der Landwirtschaft an der Zahl der Erwerbstätigen noch 1986 bei etwa 10 Prozent; Industrie und Baugewerbe hatten bis zur deutschen Vereinigung einen Anteil von knapp 50 Prozent, der Dienstleistungsbereich hatte einen Anteil von 40 Prozent. Nach der Wiedervereinigung fand in Ostdeutschland vor allem in der Industrie und in der Landwirtschaft ein rapider Beschäftigungsabbau statt, der zum Verlust zahlreicher Arbeitsplätze führte. Beschäftigungszuwächse waren fast ausschließlich im Dienstleistungssektor zu beobachten, sodass sich die Strukturen und Ost- und Westdeutschland angeglichen haben.

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Graphiken

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Beschäftigte in der Stahlindstrie

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Deutschland — Wachstumsmotor Außenwirtschaft

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Strukturwandel in der Erwerbstätigkeit nach Witschaftssektoren

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Kaufkraft im nördlichen Speckgürtel Hamburgs

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Erwerbstätige (Informationssektor), Deutschland

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Beschäftigungsstruktur IKT

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Beschäftigung, Produktion und Produktivität in der Textilbranche

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Entwicklung der Beschäftigtenanteile der Wirtschaftssektoren nach Fourastie (1949)

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