Deutschland - Landwirtschaft

Deutschland - Landwirtschaft

978-3-14-100803-6 | Seite 56 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 3.500.000
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Überblick

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft hat in Deutschland, wie in allen industrialisierten Staaten, in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr abgenommen. Während 1970 noch etwa 9 Prozent aller Erwerbstätigen in der Bundesrepublik Deutschland in Land- und Forstwirtschaft oder Fischerei beschäftigt waren, waren es 2012 nur noch rund 1,6 Prozent. Der Beitrag zur Bruttowertschöpfung fiel im selben Zeitraum von 2,9 auf 1,0 Prozent (zum Vergleich: Dienstleistungsbranche: 68 %, produzierendes Gewerbe: 31 %). Und doch ist die Landwirtschaft von nicht unerheblicher Bedeutung. Da 52,3 Prozent (2012) der Landesfläche (357 138 km²) agrarisch genutzt werden, ist das Erscheinungsbild Deutschlands stark durch agrarische Bewirtschaftungsformen geprägt.

Überdies ist die deutsche Landwirtschaft international ein bedeutender Akteur: Nach Angaben der Welthandelsorganisation WTO belegt Deutschland im Ranking der größten Agrarexporteure der Welt seit Jahren den dritten Platz, nach den USA und den Niederlanden, aber noch vor Brasilien, Frankreich oder China; die wichtigste Exportgüter sind Getreide, Ölsaaten, Milch und Milcherzeugnisse sowie Fleisch und Fleischerzeugnisse. Innerhalb der EU liegt Deutschland bei der Schweinefleischerzeugung mit einem Anteil von 25 Prozent an erster Stelle. Zudem gibt es in der Bundesrepublik eine bedeutende, an die Landwirtschaft unmittelbar anschließende Nahrungsmittelindustrie. Relativ neu ist die zunehmende Bedeutung der Landwirtschaft als Lieferant von Rohstoffen, die nicht zur Erzeugung von Nahrungsmitteln genutzt werden, sondern zum Beispiel zur Energiegewinnung.

Produktionsstruktur und Agrarpolitik

Die Produktionsstruktur weist innerhalb Deutschlands traditionell große regionale Unterschiede auf. Grund dafür sind natürliche Gegebenheiten. Sie prägen viele Anbaugebiete, sind aber nicht mehr von so bestimmender Bedeutung wie noch vor zwei oder drei Generationen. Inzwischen sind einige Produktionsbereiche von natürlichen Standortgegebenheiten nahezu vollkommen unabhängig. Die industrialisierte Schweine- oder Geflügelzucht beispielsweise muss auf die Möglichkeiten der regionalen Futtererzeugung keinerlei Rücksicht mehr nehmen. Einfluss auf die Produktionsstrukturen in Deutschland nimmt auch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die seit den Anfängen der Europäischen Einigung zu den wichtigsten Aufgabenfeldern der europäischen Politik gehört. Ohne diese Subventionen wäre es den meisten Betrieben in Deutschland kaum noch möglich, wirtschaftlich zu überleben. Nach der großen GAP-Reform 1992 wurden die Betriebe von 1993 bis 2004 mit einer „Produktprämie“ für bestimmte Kulturen und Nutztiere subventioniert, auf die von 2005 bis 2013 eine „Betriebsprämie“ folgte. Seit dem 1. Januar 2014 stehen unter dem Stichwort „Greening“ der Erhalt ländlicher Kulturlandschaften, der Umweltschutz und die Lebensmittelqualität ganz oben auf der GAP-Agenda. EU-Landwirte müssen künftig eine Reihe von Umweltauflagen erfüllen, um von Direktzahlungen zu profitieren; beispielsweise sollen sie 5 Prozent ihrer Flächen ökologisch nachhaltig bewirtschaften.

Zentren der Viehhaltung in Deutschland

Obwohl Deutschland der größte Fleischerzeuger in der EU ist, bildet die Milchviehhaltung nach wie vor ein wichtiges Standbein der deutschen Landwirtschaft. Auch die Milchproduktion wird sich im Zuge der GAP-Reform in naher Zukunft verändern.

Die Viehwirtschaft in Deutschland ist durch eine starke regionale Konzentration gekennzeichnet. Eines der Zentren der tierischen Erzeugung liegt in Nordwestdeutschland (vgl. 59.5), wo sich eine Zone intensiver Schweinehaltung herausgebildet hat. Auch die Geflügelhaltung ist in diesen Regionen sehr verbreitet. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den günstigen Zugang der Mischfutterhersteller zu Seehäfen, in denen preiswerte Futterkomponenten wie Soja und Tapioka angelandet werden. Auf Niedersachsen entfielen 2012 mehr als 30 Prozent des deutschen Schweinebestandes, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (25 %) und Bayern (12 %).

Auch in anderen Regionen haben sich Veredlungsschwerpunkte gebildet, wie etwa im Münsterland die sich auf die Schweinemast spezialisiert haben.

Regional weniger konzentriert ist die Rinderhaltung. Schwerpunkte sind im früheren Bundesgebiet vor allem Regionen mit absoluten Grünlandstandorten. Hierzu gehören das voralpine Hügelland sowie Mittelgebirgsstandorte, das Weser-Ems-Gebiet und die ertragsschwachen Grünlandstandorte in Schleswig-Holstein. In den neuen Ländern ist die regionale Konzentration insgesamt weniger ausgeprägt, dafür ist eine stärkere Tendenz zu größeren Betrieben zu beobachten.

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Wachsende Viehbestände

Die Anzahl der Rinder- und Schweinehalter hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen, gleichzeitig sind die durchschnittlichen Viehbestände erheblich gestiegen. Die zunehmende Konzentration und die damit einhergehende Rationalisierung der Haltungsverfahren haben die Praxis der tierischen Erzeugung gravierend verändert.

So eine betriebliche Konzentration kennzeichnet beispielsweise die Schweineproduktion, die seit Jahren starke Zuwächse verzeichnet. Obwohl der Schweinebestand 2012 mit über 28 Mio. Tieren den höchsten Wert seit 1991 erreichte, ging die Anzahl der Schweine haltenden Betriebe im gleichen Zeitraum bundesweit zurück. In Deutschland und Europa hat Schweinefleisch einen überdurchschnittlich hohen Anteil am konsumierten Fleisch. Ursache für die Zuwächse in der deutschen Schweinefleischproduktion sind vor allem die seit Jahren steigenden Exporte ins Ausland, die Deutschland inzwischen den Ruf eingetragen haben, das „Schlachthaus Europas“ zu sein.

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Anbauverhältnis einzelner Fruchtarten

Die landwirtschaftliche Nutzfläche in Deutschland besteht im Wesentlichen aus Ackerflächen (ca. 71 %) und Dauergrünland (28 %); die geringen Restflächen verteilten sich auf Rebland, Obstpflanzungen und Baumschulen. Das Ackerland wird vor allem geprägt durch Getreideanbau. Bezogen auf die Ackerfläche, lag der Anteil von Getreide bei rund 55 Prozent, gefolgt von Futterpflanzen, verschiedenen Handelsgewächsen wie Ölsaaten, Hopfen und Tabak, Hackfrüchten, Hülsenfrüchten sowie von Gemüse- und Gartengewächsen.

Die wichtigsten Getreidearten sind der Reihenfolge nach der Weizen mit einer Anbaufläche von rund 3 Mio. Hektar, Gerste (2 Mio. Hektar) und Roggen (555 000 Hektar). Während auf den leichten Standorten in den Heidegebieten Niedersachsens, Sachsen-Anhalts und Brandenburgs schwerpunktmäßig Roggen angebaut wird, dominiert Weizen auf den besseren Standorten wie den Lehmstandorten in der Köln-Aachener Bucht, in Südhannover-Braunschweig, der Magdeburger Börde, dem Harzvorland und der Leipziger Bucht sowie auf den Gäustandorten in Bayern und Baden-Württemberg. Neue Entwicklungen in den Bereichen Zucht, Düngung und Pflanzenschutz haben dazu geführt, dass insbesondere Winterweizen und Wintergerste ihre Flächenanteile deutlich ausdehnen konnten, während Hafer und Roggen an Bedeutung verloren haben.

In den vergangenen Jahren wurde der Ölsaatenanbau, insbesondere der von Winterraps, stark ausgedehnt. Die Entwicklung zum verstärkten Anbau von Ölsaaten wurde durch die Züchtung neuer Sorten und die Europäische Agrarpolitik vorangetrieben, die auch auf Stilllegungsflächen den Anbau von Non-Food-Raps für die Produktion von Biodiesel erlaubt.

Der Anbau von Zuckerrüben und Kartoffeln weist deutliche regionale Schwerpunkte auf, weil beide sehr unterschiedliche Ansprüche an den Boden stellen. Während die Kartoffel leichte Böden bevorzugt, gedeihen Zuckerrüben am besten auf hochwertigen Lehmstandorten. Eine starke Konzentration des Kartoffelanbaus existiert in Niedersachsen, wo inzwischen jede zweite deutsche Kartoffel geerntet wird. Der Zuckerrübenanbau erfolgt vorrangig auf Lössstandorten (z. B. Hildesheimer Börde).

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Industrialisierung der Landwirtschaft

Die Flächennutzung der landwirtschaftlichen Betriebe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch veränderte Maschinen und Anbaumethoden sowie durch betriebliche Spezialisierung stark verändert. Die Fruchtfolgen früherer Zeiten sind im Allgemeinen organisierenden Fruchtwechseln mit zwei- bis dreigliedrigen Fruchtfolgen gewichen. Die Schlaggrößen wurden durch Flächentausch und -zusammenlegung deutlich ausgeweitet. Diese Entwicklung wurde begleitet von einer Tendenz zu Monokulturen und zur „Ausräumung“ der Agrarlandschaft durch Beseitigung von Landschaftsstrukturelementen. Gleichzeitig ist es durch den Einsatz von Handelsdüngern und Pflanzenschutzmitteln zu einer Intensitätssteigerung im Anbau gekommen.

Bei Futterbaubetrieben hat der Silomais als sogenanntes Ackerfutter eine wichtige Funktion. Diese Blattfrucht hat zudem für intensiv wirtschaftende Betriebe mit hohem Viehbesatz den Vorteil, hohe Mengen an organischem Dünger zu tolerieren; deshalb werden beispielsweise im Westmünsterland mit seiner hohen Schweinedichte traditionell große Mengen Mais angebaut. In intensiv bewirtschafteten Ackerbauregionen auf günstigen Standorten besteht die Fruchtfolge häufig aus den Komponenten Hackfrucht (Zuckerrübe, Kartoffel) bzw. Winterraps – Winterweizen – Wintergerste. Auf schwächeren Standorten wird anstelle des Winterweizens häufig Winterroggen oder Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen) angebaut.

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Ökologischer Landbau

Die Bedeutung des ökologischen Landbaus hat stark zugenommen. Hatte er 1996 einen Flächenanteil von nur 2,1 Prozent, betreiben heute 7,7 Prozent der Betriebe auf 6,2 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologischen Landbau. Im Gegensatz zu konventionellen Landwirten können Biohöfe zum Beispiel durch spezielle Fruchtfolgen bzw. Fruchtwechsel, den Anbau wenig empfindlicher Sorten, mechanische Unkrautbekämpfung und gezielten Einsatz von Nützlingen auf den Einsatz bestimmter Insektizide und anderer chemischer Substanzen weitgehend verzichten (vgl. 59.7).

Das Kernanliegen ist Nachhaltigkeit. Durch eine genaue Abstimmung zwischen angebauten Feldfrüchten und Viehbestand versuchen Betriebe einen geschlossenen betrieblichen Nährstoffkreislauf zu erreichen. Dadurch können sie ihr Vieh ohne Futterzukäufe mit hofeigenen Erträgen füttern und umgekehrt die Felder mit organisch gebundenem Stickstoff düngen. Zu den Vorteilen des ökologischen Landbaus zählen unter anderem eine deutliche Verbesserung der Bodenqualität, eine geringere Belastung des Grund- und Oberflächenwassers durch Nitrate, erhebliche Errungenschaften im Bereich des Tier- und Artenschutzes und die gezielte Nachzucht traditioneller Nutztierrassen, die häufig gut an die regionalen Umweltbedingungen angepasst, aber dennoch vom Aussterben bedroht sind.

Allerdings wird dieses Ideal der nachhaltigen Wirtschaftsweise in der Praxis nicht immer erreicht. Deshalb ist es üblich, dass auch sie sich auf eine Reihe von Erzeugnissen konzentrieren, indem sie beispielsweise Vieh halten, ohne selbst das Futter zu erzeugen oder indem sie sich umgekehrt auf den Anbau bestimmter Feldfrüchte spezialisieren, aber auf Viehhaltung verzichten.

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Graphiken

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Entwicklung der deutschen Landwirtschaft

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Magere Gewinnspannen für Bauern

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Sonderkulturen zu unterschiedlichen Jahreszeiten

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Landschaftsmosaik — Raum Oberkirch

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