Deutsches Reich 1900

Deutschland - politisch

978-3-14-100700-8 | Seite 75 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 12.000.000
Deutsches Reich 1900 |  | Deutschland - politisch | Karte 75/1

Informationen

Das Deutsche Reich von 1900 war ein Zusammenschluss aus den vier Königreichen Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen, aus sechs Großherzogtümern, fünf Herzogtümern, sieben Fürstentümern, den drei freien Städten Lübeck, Hamburg (mit der "Landgemeinde" Cuxhaven) und Bremen (mit Bremerhaven) und dem Reichsland Elsass-Lothringen, das die Deutschen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 — gegen den erklärten Willen der dort lebenden Bevölkerung — annektiert hatten und das wie eine preußische Provinz

Wilhelminische Epoche und außenpolitische Isolation
Trotz der anfänglichen Begeisterung wurde die Reichsgründung von manchen Zeitgenossen als unvollendet empfunden, denn sie beruhte tatsächlich auf einer Vielzahl von Kompromissen zwischen den liberalen und nationalen Kräften und der konservativen Staatsführung in Preußen. Gemessen an den freiheitlich-liberalen Zielen der Märzrevolution von 1848 bedeutete sie eine Niederlage für das aufgeklärte Bürgertum. Der neue Reichskanzler nutzte alle Möglichkeiten, um rigoros gegen seine beiden innenpolitischen Hauptgegner, die katholische Zentrumspartei und die aufstrebende Arbeiterbewegung, vorzugehen. Trotz seines Konfrontationskurses im Innern agierte er außenpolitisch umsichtig und defensiv. Er knüpfte wiederholt Bündnisse mit Österreich und Russland, hielt sich in den kolonialen Auseinandersetzungen der europäischen Mächte betont zurück und achtete peinlichst darauf, Großbritannien nicht zu verprellen, um auf diese Weise eine Allianz zwischen Paris und London zu verhindern.
Dies änderte sich, als Kaiser Wilhelm I. 1888 starb und sein 29-jähriger Enkel als Wilhelm II. den deutschen Thron bestieg. Der neue Kaiser war in gewisser Weise ein Parvenü, der persönlich zur Großspurigkeit neigte und in politischen Dingen ohne jegliches Augenmaß agierte. Erklärtermaßen sollte das Reich, das innerhalb weniger Jahre zu einer der führenden europäischen Großmächte aufgestiegen war, nun auch als Kolonialmacht reüssieren. Typisch für die Wilhelminische Epoche waren die im Rückblick geradezu grotesk erscheinenden Reden des Kaisers, in denen er sich zu einem mittelalterlichen Ritter stilisierte, der in schimmernder Wehr für die deutsche Stahlindustrie kämpfte oder sich zügellosen Omnipotenzfantasien überließ, die im Ausland für erhöhte Alarmbereitschaft sorgten. Wegen unaufhebbarer Differenzen mit dem neuen Regenten musste Bismarck 1890 seinen Rücktritt einreichen.
Unter seinem Nachfolger Leo von Caprivi endete die für seine Epoche typische Politik der Saturiertheit und der außenpolitisch klugen Selbstbeschränkung. Der Kaiser brüskierte zunächst Russland durch die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages, danach brachte er systematisch auch Frankreich und Großbritannien gegen sich auf.
Um die Jahrhundertwende schossen überall im Reich nationalpatriotische Vereinigungen wie der "Alldeutsche Verband" und der "Deutsche Flottenverein" aus dem Boden, Uniformen prägten zunehmend das Straßenbild. Zugleich war Deutschland auf dem besten Wege, sich durch Flottenrüstung, Großmachtstreben und Selbstüberschätzung außenpolitisch ins Abseits zu manövrieren und dadurch die entscheidenden Weichen für den Ersten Weltkrieg zu stellen.
K. Lückemeier

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