Deutsches Reich - Nationalsozialistische Gewaltherrschaft 1942

Geschichte - Territorialer Wandel in Europa von 1914 bis 1949

978-3-14-100390-1 | Seite 215 | Abb. 6
Deutsches Reich | Nationalsozialistische Gewaltherrschaft 1942 | Geschichte - Territorialer Wandel in Europa von 1914 bis 1949 | Karte 215/6

Überblick

Der NS-Staat, der 1942 den Höhepunkt seiner Macht erlebte, war vollständig auf Adolf Hitler zugeschnitten. Er war Staatsoberhaupt, Regierungschef, Oberster Befehlshaber der Wehrmacht und Führer der Partei. Auf ihn folgte Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers (bis 1941, dann Martin Bormann), der nicht nur Führungsaufgaben in der Partei wahrnahm, sondern auch auf Staatspolitik und Gesetzgebung erheblichen Einfluss hatte. Den obersten Rang in der Organisation der NSDAP hatten die 18 Reichsleiter, die meist zugleich auch als Minister oder hohe Verwaltungsbeamte Staatsposten bekleideten und alle direkt dem Führer verantwortlich waren; zu ihnen zählten u. a. der Reichsführer SS Heinrich Himmler und der Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels.

Diskriminierung der Juden und gewaltsame Übergriffe

Die Schikanen gegen Juden begannen am 1. April 1933 mit einem von Goebbels initiierten Boykott jüdischer Geschäfte, Banken, Arztpraxen und Anwälte. Durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April wurden „nicht arische“ Beamte aus dem öffentlichen Dienst gedrängt. Flankiert wurde die wirtschaftliche Diskriminierung von einer Propagandaoffensive in der gleichgeschalteten Presse und dem Radio. Eine neue Qualität erreichte der Terror mit den Nürnberger Gesetzen vom September 1935. Juden wurden alle politischen Rechte und öffentlichen Ämter entzogen, das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes“ stellte Beziehungen mit Juden unter Strafe. Ab 1938 folgte eine Flut weiterer Gesetze, hinzu kamen gewalttätige Übergriffe und Schikanen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 (Reichskristallnacht) kam es landesweit zu schweren Ausschreitungen gegen jüdische Bürger, Geschäfte und Synagogen. Viele Juden wurden misshandelt oder ermordet, 26 000 in Konzentrationslager verschleppt. Ab November 1939 mussten Juden ein Kennzeichen tragen, zunächst eine Binde, später dann den Judenstern.

Das System der Konzentrationslager

Die ersten wilden Lager ab 1933 dienten der Internierung politischer Gegner. Sie wurden nach der Liquidierung der SA-Führung (Röhm-Putsch, Juni/Juli 1934) geschlossen und unter der Leitung Heinrich Himmlers zu einem weit verzweigten Lagersystem ausgebaut. Zu den Konzentrationslagern in Dachau, Sachsenhausen, Esterwegen und Lichtenburg kamen weitere in Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und das Frauenlager Ravensbrück. Nach dem Kriegsbeginn 1939 entstanden zahlreiche weitere Lager im Osten des deutschen Machtbereichs. Im Sommer 1941 beauftragte Reichsmarschall Hermann Göring auf Weisung Hitlers den Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich mit einer Konzeption zur „Endlösung der Judenfrage“. Heydrich erläuterte seine Pläne am 20. Januar 1942. Die Wannseekonferenz war nicht der Auftakt zum Völkermord – die Deutschen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits fast eine Million Juden ermordet –, aber ein Schlüsselereignis, denn von nun an wurde der Holocaust zum Staatsziel erhoben. Der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, entwickelte eine Methode für die industrielle Tötung von Menschen mit Zyklon B. Die SS begann mit dem Aufbau spezieller Vernichtungslager und kombinierter Arbeits- und Vernichtungslager. Zu Ersteren gehörten Chelmno (Kulmhof), Treblinka, Sobibor und Belzec, zu Letzteren Lublin-Majdanek und Auschwitz; alle lagen im Reichsgau Wartheland und dem Generalgouvernement. Insgesamt verfügte der NS-Staat bald über 22 Stammlager mit 165 Nebenlagern. In den meisten Vernichtungslagern wurden Gaskammern und Krematorien gebaut, in anderen wie Maly Trostinec wurden systematische Massenerschießungen durchgeführt. In einigen Lagern gab es Isolierblocks für „wissenschaftliche Experimente“ an Gefangenen. Die Opfer waren vor allem Juden, aber auch Kriegsgefangene, Homosexuelle, Sinti und Roma, politische Gegner, Behinderte sowie „Rassenschänder“. Mit dem Vormarsch der Roten Armee wurden die Massenmorde eingestellt. In Auschwitz, dem größten Todeslager der Weltgeschichte, geschah dies am 1. November 1944 durch einen Befehl Himmlers. Die genaue Zahl der ermordeten Juden wird sich nie ermitteln lassen; nach heutigem Wissensstand waren es mehr als sechs Millionen. Etwa die Hälfte von ihnen stammte aus Polen, mehr als zwei Millionen aus der UdSSR, Hunderttausende aus Deutschland, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und den Niederlanden, jeweils mehrere Zehntausend aus Frankreich, Österreich, Jugoslawien, Griechenland und Belgien. Auf etwa 500 000 wird die Zahl der ermordeten Sinti und Roma geschätzt, auf mehr als 100 000 die der Behinderten („Euthanasieprogramm“). Darüber hinaus starben in deutschen Lagern weit über drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene durch Massenerschießungen, Hunger und Krankheiten.