Damaskus - UNESCO-Weltkulturerbe im Orient

Erde – Tourismus

100750 | Seite 188 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 25.000
Damaskus | UNESCO-Weltkulturerbe im Orient | Erde – Tourismus | Karte 188/3

Informationen

Die syrische Hauptstadt Damaskus gilt als älteste durchgängig bewohnte Stadt der Welt. Ihre Ursprünge gehen bis ins 5. vorchristliche Jahrtausend zurück. Entscheidend für ihre Entstehung und Entwicklung war die Lage am Baradafluss, der nordwestlich von Damaskus das Qasyungebirge verlässt und die östlich von Damaskus gelegene Oase Ghuta bewässert; auf der Karte ist der Flussverlauf nördlich der Altstadt zu sehen. Das antike Erbe lässt sich bis heute an einigen Stellen in der Altstadt und in der teilweise noch sichtbaren rechtwinkligen Grundrissform der größeren Durchgangsstraßen im Zentrum erkennen. Größere Bedeutung erlangte die Stadt als Hauptstadt der Umayyaden-Dynastie (661-750), deren Reich sich von der Iberischen Halbinsel bis an den Indus erstreckt. Vom 16. Jahrhundert bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Stadt und das gesamte Land Teil des Osmanischen Reiches, 1920 wurde Syrien zum französischen Mandatsgebiet, bis das Land 1946 seine uneingeschränkte Autonomie erlangte.

Bausubstanz und Erweiterungen
Durch den enormen Bevölkerungsdruck war das historische Erbe bedroht, die Altstadt wurde 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Doch fanden hier bis in die 1980er-Jahre weiterhin Modernisierungen und Abrisse statt. So wurden beispielsweise die Umayyaden-Moschee und der Eingang zum Souk al Hamidiyeh freigelegt, indem man angrenzende Läden beseitigte, um Straßen und Plätze verbreitern zu können. Allerdings war die Altstadt von Damaskus mit der Bausubstanz, die sie Mitte des 20. Jahrhunderts aufwies, nicht wirklich historisch. Die überdachte Einkaufsstraße Souk al Hamidiyeh war erst in den 1880er-Jahren errichtet worden. Die zweite Achse des Geschäftsviertels der Altstadt, der Souk Madhat Basha, wurde ebenfalls in diesen Jahren für Fahrzeuge verbreitert. Auch viele Bauwerke, die in spätosmanischer Zeit um den Al-Merjeh-Platz und entlang der An-Nasr-Straße entstanden, entsprechen nicht dem originär Damaszener oder osmanischen Stil. Der Hejaz-Bahnhof und zahlreiche andere öffentliche Gebäude dieser Epoche wurden von europäischen Architekten in neoorientalischem Stil gebaut und können als Paradebeispiele für den Orientalismus in der Architektur gelten.
Die enormen Stadterweiterungen nach der Unabhängigkeit Syriens 1946 erfolgten in einem mediterran-europäischen Stil, was dem modernen Damaskus einen relativ einheitlichen, aber unspezifischen Charakter verleiht. Auch das heutige moderne Geschäftszentrum wurde im Wesentlichen nach der Unabhängigkeit erweitert und dehnte sich sukzessive vom Al-Merjeh-Platz und von der Salhiye-Straße, die nach europäischem Vorbild in ihrem mittleren Bereich in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde, Richtung Westen aus.
Der weitaus größte Teil der Bevölkerung der Metropole lebt in modernen Stadtvierteln und versorgt sich in den Boutiquen, Konditoreien, Büros und Reiseagenturen der modernen Geschäftsviertel mit Waren und Dienstleistungen. Für diese Bewohner von Damaskus spielt die traditionelle Altstadt im Alltag kaum noch eine Rolle. Die im Souk angebotenen Waren — überwiegend Kleidung und Stoffe, Haushaltswaren sowie Schmuck, Gewürze und Souvenirs — zielen auf die Bewohner der Altstadt selbst, auf ein ländliches Publikum und auf die internationalen Touristen.
Die traditionellen städtischen Elemente wurden in Damaskus in den letzten Jahrzehnten immer stärker zurückgedrängt und konzentrieren sich im Stadtraum inzwischen nur noch auf die Altstadt und auf wenige Bereiche in den angrenzenden Stadtvierteln. Im Bewusstsein der Menschen spielen diese wenigen Relikte jedoch inzwischen eine größere Rolle denn je. Die Verdrängung des Ursprünglichen und Originären wird nach der Modernisierungseuphorie in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit von Teilen der Bevölkerung inzwischen kritisch gesehen und als Kultur- und Identitätsverlust empfunden.
C. Pfaffenbach