Curitiba - nachhaltige Stadtentwicklung

Brasilien

978-3-14-100700-8 | Seite 218 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 125.000
Curitiba | nachhaltige Stadtentwicklung | Brasilien | Karte 218/2

Informationen

Die Hauptstadt des Bundesstaates Paraná im Süden Brasiliens zeichnet sich seit den 1970er-Jahren durch eine zukunftsorientierte Stadtentwicklungsplanung aus, die auch international große Beachtung fand. Zentrale Aspekte sind dabei neben dem Stadtentwicklungsplan die damit in Verbindung stehende Flächennutzungsplanung und die Verkehrsplanung. In jüngster Vergangenheit haben einerseits Umweltaspekte wie der Ausbau von Parkanlagen, die Umweltbildung und die Abfallentsorgung mit Wertstofferfassung und zum anderen soziale Kriterien wie die Bildung und die Jugend- und Altenfürsorge eine zentrale Rolle gespielt. Heute gilt Curitiba, das sich als "ökologische und soziale Hauptstadt Brasiliens" bezeichnet, als Modellfall für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Stadtplanung und Flächennutzung
In den 1960er-Jahren, Curitiba zählte noch keine 500 000 Einwohner, entstanden erste Pläne, das kontinuierliche Wachstum der Stadt in kontrollierte Bahnen zu lenken, den ausufernden Verkehr einzudämmen und das architektonische Erbe zu bewahren. Die Flächennutzungsplanung der 1970er-Jahre nahm diese Leitlinien des Stadtentwicklungsplans von 1966 auf.
Bei der Wohnbebauung wechseln lockere und dichte Bebauung, wobei die insgesamt vier Bebauungsklassen Verschiedenheiten bei Nutzungseinschränkungen sowie bei Geschossflächen- und Grundflächenzahl vorweisen. Von zentraler Bedeutung für die Angehörigen der unteren Mittelschicht und der Unterschicht ist der kommunale und staatliche Sozialwohnungsbau. Entgegen der allgemein stringenten Nutzungsbegrenzung in Stadtregionen bietet die Mischzone ein Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten mit Einzelhandels- und kleinen Gewerbebetrieben. Klar abgegrenzt sind die Industriegebiete. Die älteren Industrieanlagen liegen entlang der ehemaligen Bundesstrasse BR 116 im Stadtteil Hauer, die neuen Industrieansiedlungen konzentrieren sich im Südwesten in der in den 1970er-Jahren gegründeten "Industriestadt Curitiba".
Wie in anderen Brasilianischen Städten gibt es auch in Curitiba eine zunehmende Zahl informeller Armensiedlungen (Favelas), die vor allem am Stadtrand liegen und sich meist durch illegale Landnahme und unterentwickelte Infrastrukturausstattung auszeichnen. Durch Legalisierung des Bodenbesitzes und Infrastrukturmaßnahmen werden diese Favelas "urbanisiert".
Die Sonderzonen im Stadtgebiet, die unter anderem das historische Zentrum und Bildungseinrichtungen umfassen, zeichnen sich durch Mischnutzung und spezielle Nutzungsformen für Handel, Stadtverwaltung und die bundesstaatliche Administration aus. Berühmt ist Curitiba für seine ausgedehnten öffentlichen Grünflächen und Parkanlagen, die seit den 1970er-Jahren im Stadtgebiet eingerichtet wurden. Durch sie stehen gegenwärtig mehr als 50 m² Grünfläche pro Einwohner zur Verfügung.

Innovationen bei Verkehr und Bildung
Auf das dynamische Wachstum in den 1960er-Jahren reagierten die Planer in Curitiba mit einem forcierten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, die auf eine Eindämmung des Straßenverkehrs zielte. Zu diesem Zweck wurde zum einen die Straßenführung verändert, vor allem aber entwickelte die Stadt ein weit verzweigtes Busnetz, in dem verschiedene Bustypen, die jeweils farblich markiert sind, je eigene Verkehrsaufgaben übernehmen. Die entlang der Entwicklungsachsen verkehrenden Expressbuslinien verfügen über eigene Fahrspuren und eine hohe Beförderungskapazität und dienen damit als eine Art "oberirdischer Metro". Dank des engmaschigen Streckennetzes lassen sich alle Punkte der Stadt zu einem Einheitspreis mit diesen öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Alternativ zu Bus und Pkw gibt es in Curitiba ein weit verzweigtes Radwegenetz.
Neben der Dezentralisierung war die Versorgung mit technischer und sozialer Infrastruktur ein zentrales Element der Stadtentwicklungsplanung. Aufsehen erregt Curitiba unter anderem durch seine innovativen Abfallentsorgungsmethoden, bei denen die Umweltbildung eine zentrale Rolle spielt. Die Wertstoffsammlung wird flächendeckend durchgeführt, in Unterschichtvierteln unter anderem in Form des "grünen Tauschs" von Wertstoffen gegen Lebensmittel.
In einer Vielzahl der kommunalen Schulen wurden Bibliotheken eingerichtet, vor allem in peripheren Stadtvierteln der Unterschicht. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch weitere Initiativen wie die Einrichtung öffentlich zugänglicher Bildungszentren, den sogenannten Leuchttürmen des Wissens, die neben Büchern auch einen öffentlichen Internetzugang bieten und die im Stadtbild an ihren angebauten Leuchttürmen weithin zu erkennen sind.
Ein wichtiger Beitrag zur Dezentralisierung war die Einrichtung dezentraler Verwaltungszentren, sogenannter Bürgerstraßen, in denen den Bewohnern der jeweiligen Stadtregion die Dienste der Kommunalverwaltung zur Verfügung stehen. Curitiba bezeichnet sich seit ihrer Einrichtung als die "Stadt der kurzen Wege".
Zusammenfassend lässt sich Curitiba durchaus als eine "außergewöhnliche Metropole" charakterisieren. Trotz der durch das progressive Stadtmarketing manchmal übertrieben positiven Darstellung als "Modellstadt" wird Curitiba aufgrund der vielen Best-practice-Beispiele dem Anspruch einer nachhaltigen Stadtentwicklung durchaus gerecht, zumal in der Stadtplanung neben ökologischen Kriterien auch soziale Motive wie die Überwindung sozioökonomischer Disparitäten eine immer wichtigere Rolle spielen.
F. Zirkl

Graphiken

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Entwicklungsachse West in Curitiba

mit deutlicher Vertikalisierung entlang der Achse
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Entwicklungsachse Nord in Curitiba

mit Busbahnhof und eigener Fahrbahn für Busse, flankiert von Fahrbahnen des Individualverkehrs
Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Eine städtische Bibliothek in Curitiba als Leuchtturm des Wissens (Farol do saber) in Verbindung mit einer kommunalen Schule

Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Sammelstelle des câmbio verde (grüner Tausch) in Curitiba

Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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Lebensmittelausgabe des câmbio verde (grünen Tausch) in Curitiba

Foto: F. Zirkl, Eichstätt
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