Bratsk - sozialistische Pionierstadt

Sibirien

978-3-14-100700-8 | Seite 156 | Abb. 3 | Maßstab 1 : 200.000
Bratsk | sozialistische Pionierstadt | Sibirien | Karte 156/3

Informationen

Die Karte zeigt die Stadt Bratsk, deren neun Stadtteile sich in einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern um den Nordteil des Bratsker Stausees gruppieren. Die Stadt ist eine Siedlungsinsel in einer sonst menschenarmen Taigaregion. Sie gilt als klassische Pionierstadt, weil sie unter schwierigsten Bedingungen in der Zone des sibirischen Nordens gegründet wurde. Typische Züge einer sozialistischen Stadt lassen sich an der engen Verbindung zwischen Wohnsiedlung und Industriebetrieb und am planmäßigen Grundriss mit sich zumeist rechtwinklig schneidenden Straßen erkennen. Kristallisationspunkte der Siedlungsentwicklung sind das Wasserkraftwerk und die Industriebetriebe.

Staumauer und Wasserkraftwerk
Das Bratsker Wasserkraftwerk war das erste Großprojekt in Sibirien, das in der Erschließungsphase der Nachkriegszeit erbaut wurde. Als Fluss hatten die sowjetischen Planer die Angara wegen ihrer ausgeglichenen Wasserführung gewählt, zum Standort machten sie die Paduner Enge, in der die sonst in einem breiten Tal fließende Angara in einem engen Durchbruch einen Diabasriegel durchschneidet. Nach dreijährigen Rodungen und anderen Vorarbeiten wurde im Frühjahr 1957 unter dem Einsatz von 17 000 Arbeitskräften mit dem Bau begonnen. 1961 lieferte das Kraftwerk den ersten Strom, 1966 konnte das Stauwerk mit seiner Länge von 1430 Metern und seiner Höhe von 125 Metern fertig gestellt werden. Mit einer Jahresleistung von 22,6 Mrd. Kilowattstunden wurde es das größte Wasserkraftwerk der Welt. Noch heute produziert es mit umgerechnet weniger als einem Cent für zehn Kilowattstunden den billigsten Strom der Welt. Aufgrund seiner Leistungskapazitäten wurde es zum Zentrum eines "Industrieknotens".
Die Stauseefläche misst 5450 km². Vor der Füllung des Sees mussten 40 Mio. Kubikmeter Holz eingeschlagen und 264 Siedlungen mit insgesamt 114 000 Einwohnern verlegt werden. Heute ist der See ein idealer Verkehrsträger, auch wenn die Schiffs- und Floßperiode nur 120 Tage im Jahr beträgt.

Siedlung und Bevölkerung
Die verschiedenen Stadtteile lehnten sich an die genannten Industriebetriebe an, woraus sich eine Zersplitterung der Stadt in Einzelsiedlungen ergab. Die Konzentration der Industrie auf die Kraftwerksregion und die etwa 40 Kilometer weiter südlich gelegenen, weniger reliefierten Areale führte zur Großgliederung der Stadt in einen Nord- und einen Südbezirk.
Zentrum der Nordregion ist heute der Ortsteil "Energetik", in dem — wie der Name bereits erahnen lässt — die zum Kraftwerk gehörenden Arbeitskräfte leben. Zentrum des Südbezirkes ist der Ortsteil "Central?nyj", auch "Bratsk" genannt. Beide Stadtteile wurden immer weiter ausgebaut und mit weiteren zentralen Funktionen versehen. Hervorgehoben sind im Kartenbild die Privathausareale, die aus Einfamilienhäusern bestehen, die von den Einwohnern selbst errichtet wurden. Der private Wohnungsbau war eine Besonderheit in einer sozialistischen Stadt.
Die Bevölkerungszahl der erst 1957 gegründeten, zunächst nur aus Zelten und Holzhäusern bestehenden Siedlung stieg bereits bis 1991 auf 259 400 Menschen an. Da der Wohnungsbau mit diesem Wachstum nicht Schritt halten konnte, leben viele Einwohner noch immer in Wohnheimen. Um das für Pioniersiedlungen charakteristische Übergewicht an Männern zu kompensieren, wurden Arbeitsplätze insbesondere für Frauen geschaffen, etwa durch Gründung eines Bekleidungskombinats für rund 1000 Arbeitnehmerinnen.
Die Versorgung der rasch wachsenden Bevölkerung bereitete in der Abgeschiedenheit der Taiga gewisse Schwierigkeiten. Der örtliche Gemüseanbau mit Unterglaskulturen auf rund zehn Hektar Fläche konnte den Bedarf nur zu etwa 25 Prozent decken. Die Bevölkerung war daher weitgehend auf die Eigenversorgung durch die intensiv genutzten Datschaflächen von jeweils 600 m² angewiesen. Private Überschussprodukte konnten auf dem zentralen Kolchosmarkt verkauft werden. Ein Geflügelbetrieb versorgt die Bevölkerung mit Eiern und Hühnerfleisch, ein Fischereibetrieb nutzt darüber hinaus den Fischbestand des Stausees.
N. Wein

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