Brasília - Hauptstadt seit 1960

Amazonien

978-3-14-100782-4 | Seite 163 | Abb. 7 | Maßstab 1 : 250.000
Brasília | Hauptstadt seit 1960 | Amazonien | Karte 163/7

Informationen

Die Verlegung der Brasilianischen Hauptstadt von Rio de Janeiro nach Brasília im Jahre 1960 ist im weltweiten Vergleich durchaus kein singuläres Phänomen: in Australien beispielsweise wechselte sie von Melbourne nach Canberra, in Tansania von Daressalam nach Dodoma. Im Falle Brasiliens wurden entsprechende Überlegungen erstmals sogar schon im 18. Jahrhundert angestellt. Gemeinsam war den genannten Initiativen der Versuch, durch eine Hauptstadtverlegung von der Küste ins Hinterland die Entwicklung des Landesinneren voranzutreiben.

Stadtarchitektur und Ordnungskonzepte
Die Gründung und Anlage Brasílias war ein urbanistisches Experiment. Dies drückt der symbolhafte Grundriss aus, der einem Flugzeug gleicht, dessen bogenförmige Tragflächen von den "Superquadras" gebildet werden, von denen jeweils vier zu einer Nachbarschaft zusammengefasst sind. Jede dieser "Superquadras" besteht aus acht bis elf maximal siebengeschossigen Wohnblocks. Ausgelegt ist ein solches Viertel für etwa 3000 bis 5000 Einwohner, es besitzt jeweils einen Kindergarten und eine Grundschule. Jede "Nachbarschaft" ist zusätzlich mit Oberschule, Kirche, Sportstätten und Versorgungseinrichtungen des täglichen Bedarfs ausgestattet.
In den "Superquadras" wohnen vorwiegend die Beamten und Angestellten der Regierung. Ihre Arbeitsstätten liegen im vorderen Rumpf des "Flugzeuges", nahe am "Platz der drei Gewalten". Von dort aus verläuft eine zentrale Ost-West-Achse als Hauptgeschäfts- und Kulturzentrum vorbei am Fernsehturm bis zum Bahnhof, der gleichsam das Heck des Flugzeugs bildet.
Der Symbolcharakter dieses Grundrisses ist offensichtlich. Er reicht bis in die Staats- und Gesellschaftsidee hinein. So problematisch sich allerdings die Demokratisierung Brasiliens gestaltet, so schwierig hat sich auch die konsequente Umsetzung des stadtplanerischen Ansatzes erwiesen, im Sinne dieser Gleichheitsidee soziale Segregationsprozesse zu verhindern.
Die Planung Brasílias beruht natürlich keineswegs nur auf einem Symbolismus. Für die Konzeption grundlegend waren vielmehr drei zur Zeit der Planung hochaktuelle städtebauliche Ordnungsideen: Erstens das Prinzip der räumlichen Funktionsteilung, wie es 1933 in der "Charta von Athen" niedergelegt worden war, zweitens die Idee der Nachbarschaftseinheit, die Ebenezer Howard 1904 in seiner Gartenstadtkonzeption entfaltet hatte, und drittens der Grundsatz der entflochtenen Verkehrswege durch kreuzungsfreie Autostraßen und ein davon unabhängiges Fußgängernetz. Der stärkste Protagonist dieses Verkehrskonzepts, der Brasilianische Stadtplaner Lúcio Costa, übernahm die Gesamtplanung für die Gestaltung Brasílias.

Städtebauliche Kritik
Die Umsetzung und Verbindung dieser Ordnungsideen erwies sich jedoch als problematisch. Durch die Trennung sich gegenseitig störender Funktionen ist eine überaus weiträumige Stadt entstanden, in der das Auto eine entscheidende Rolle spielt. Deshalb wurde bereits moniert, dass die Einwohner diese Stadt in erster Linie "durch die Windschutzscheibe und über den Zeitraffer größerer Geschwindigkeiten" erleben würden, ohne ihr eigentlich nahe zu kommen; ein unvermitteltes Stadterlebnis stellt sich kaum ein. Die breiten Verkehrsschneisen trennen mehr als sie verbinden.
Als ebenso wenig tragfähig erwies sich die Idee der Nachbarschaften. Die soziale Durchmischung blieb aus, wodurch das Konzept von den Stadtvierteln als Kommunikationsräumen ein Wunsch blieb. Stattdessen herrscht Monotonie. Der Autoverkehr ist zwar gut kanalisiert, doch dies vor allem zu Lasten der Fußgänger.
Aber nicht nur die Urbanisierung Brasílias ist über weite Strecken anders als verlaufen als konzeptionell vorgesehen. Ähnliches trifft auf die Entwicklung des Umlandes zu. Der Beginn der Bauarbeiten löste eine heftige und unkontrollierte Zuwanderung aus dem näheren und ferneren Umland aus. Zwischen 1957 und 1959 beispielsweise wanderten jeden Monat etwa 2400 Menschen zu. Sie kamen in der Hoffnung auf Arbeit. Durch diesen starken Zuzug entstanden am Rande der Baustellen zahlreiche Spontansiedlungen. Die Annahme der Planer, dass es sich dabei lediglich um ein temporäres Phänomen handeln und die Mehrzahl dieser "Siedler" nach Beendigung ihrer Kontrakte wieder in ihre Heimatregion zurückkehren werde, erwies sich als illusorisch. Noch vor der Einweihung Brasílias wurden deshalb in 20 bis 50 Kilometern Entfernung die Vororte Taguatinga, Gama und Sobradinho angelegt. In der Folge sind weitere solcher Satellitenstädte dazugekommen. Gegenwärtig wohnen etwas mehr als 2 Mio. Menschen in Brasília.
Drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung ist die Stadt zwar zu einem maßgeblichen Attraktivitätspol für die Interiorregion geworden. Doch der ultramoderne Glanz der Hauptstadt ist weithin verblasst. Die sozialen Realitäten haben Brasília eingeholt.
K. Kremb