Bochum - Strukturwandel 1956 / 2007

Bochum/Ruhrgebiet

100750 | Seite 31 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 75.000
Bochum | Strukturwandel 1956 / 2007 | Bochum/Ruhrgebiet | Karte 31/1

Überblick


Der wirtschaftliche Strukturwandel im Ruhrgebiet lässt sich am Beispiel von Bochum gut ablesen. Noch 1958, zu Beginn der Kohlenkrise, gab es hier 17 Zechen (davon acht im Kartenausschnitt) mit einer Gesamtbelegschaft von mehr als 40 000 Beschäftigten. Die letzte Anlage auf dem heutigen Stadtgebiet wurde 1974 stillgelegt.
Absatzprobleme waren der häufigste Grund für die Stilllegungen. Andere Gründe waren unter anderem eine Erschöpfung der Kohlevorräte oder eine zu schwierige Erreichbarkeit der Vorräte. Heute erinnern nur noch Industriebrachen und -denkmäler sowie bergbauliche Institutionen (Bergbaumuseum, Bundesknappschaft etc.) an die Zeit der Bergbauzechen in Bochum.

Stadt im Wandel
Der beginnende Umbruch in der Stadt begann Anfang der 1960er Jahre mit der Gründung der Ruhr-Universität und dem Aufbau der Bochumer Opelwerke auf den Geländen der Zechen Dannenbaum und Bruchstraße. Die Stadt begann zu wachsen und die Siedlungsfläche erweiterte sich.
Für Bochum war der Bau des Opelwerkes ein Glücksfall. Ein Betrieb ähnlicher Größenordnung siedelte sich seither im Ruhrgebiet nicht mehr an. So wünschenswert die Entwicklung einer wirtschaftlichen Ausweitung der Branchen auch war, so begab sich die Stadt doch wieder in eine Form der Abhängigkeit.
Nachdem das Opel-Werk in Bochum 2005 vor der Schließung stand, wurden zahlreiche Stellen abgebaut. In 2011 einigten sich Betriebsrat und Werksleitung auf eine Restrukturierung, die den Abbau weiterer Stellen zur Folge hat.

Branchenmix
Mittlerweile setzt Bochum auf einen Mix aus kleinen und mittleren Betrieben. Eine höhere Branchenvielfalt ist krisensicherer und auf weltwirtschaftliche Veränderungen kann flexibler reagiert werden.
Die beiden Innovationszentren in unmittelbarer Nachbarschaft der Ruhr-Universität gehören dazu: das Technologiezentrum Ruhr (TZR)und das Technologiequartier. Beide rekrutieren ihre qualifizierten Mitarbeiter aus der benachbarten Hochschule und setzen Forschungsergebnisse direkt in innovative Produkte um.
Zu nennen wäre auch der Einzelhandel mit dem verkehrsgünstig gelegenen Einkaufszentrum Ruhrpark. Ehemalige Zechen- und Industrieflächen wurden in Grünanlagen mit Freizeitcharakter umgewandelt.
rotz zahlreicher gelungener Neuerungen in der Bochumer Altindustrieregion konnte bislang nur ein Teil der Industriebrachen einer Folgenutzung zugeführt werden.

E. Michel, J. Seibel

Info Plus

An kaum einer anderen Stadt lässt sich der wirtschaftliche Strukturwandel, dem sich das Ruhrgebiet zu stellen hatte, so signifikant nachweisen wie am Beispiel Bochums. Noch 1958, zu Beginn der Kohlenkrise, gab es hier 17 Zechen (davon acht im Kartenausschnitt) mit einer Gesamtbelegschaft von mehr als 40 000 Beschäftigten. 1973, also nur 15 Jahre später, schloss mit der Zeche Hannover der letzte Bergbaubetrieb im ursprünglichen Stadtgebiet. Die Zeche Holland im 1975 eingemeindeten Wattenscheid — die letzte Anlage auf dem heutigen Stadtgebiet — wurde 1974 stillgelegt. Heute erinnern nur noch Industriebrachen und -denkmäler wie der Malakowturm (Zeche Hannover) und bergbauliche Institutionen (Bergbaumuseum, Bundesknappschaft, Krankenhaus Bergmannsheil, Sitz der IG Bergbau und Energie) an die Zeit des Bergbaus in Bochum.

Stadt im Wandel
Den beginnenden Umbruch in der Stadt markiert das Jahr 1961: Am 18. Juli 1961 wurde die Ruhr-Universität gegründet, noch im gleichen Jahr begann der Aufbau der Bochumer Opelwerke auf den Geländen der Zechen Dannenbaum und Bruchstraße. Im Kartenbild ist der allgemeine raumstrukturelle Wandel zu erkennen:
• die Erweiterung der Siedlungsfläche (besonders im Raum Laer, Wiemelhausen und Querenburg) und
• die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur (Stilllegung von Industriebahnen; Containerbahnhof; Ausbau des Straßennetzes: A40-Ruhrschnellweg, A43 Münster—Wuppertal, A44 Witten und innerstädtische Schnellstraßen).
Der Strukturwandel ist auch an der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen abzulesen (s. Diagramm im Atlas). Inzwischen hat der Tertiärsektor mit 90 400 Beschäftigten im Jahre 2006 (2005: 87 900 Beschäftigte) das produzierende Gewerbe weit überholt — eine für die Hellwegstädte typische Erscheinung.
Das Problem der Zechenstilllegungen gab es nicht erst seit der Bergbaukrise von 1958. Eine erste Schließungswelle ist für den Zeitraum zwischen den Weltkriegen (Weltwirtschaftskrise) nachzuweisen. Von 1926 bis 1932 wurden im Ruhrgebiet 58 Bergbauanlagen stillgelegt. Im Kartenausschnitt waren dies die Zechen Vollmond (1926), Constantin III (1928), Amalia (1928) und Caroline (1929). Häufig wurden auch Anlagen aus Gründen der Rationalisierung zu Verbundbergwerken zusammengefasst (Beispiel: Amalia zu Robert Müser). Absatzkrisen waren der häufigste Grund für diese Stilllegungen. Andere Gründe waren: Auskohlung, zu schwierige geologische Lagerung und Katastrophen (schlagende Wetter, Wassereinbrüche).

Dienstleistung und Forschung
Für Bochum war der Bau des Opelwerkes auf ehemaligen Zechengeländen ein Glücksfall. Ein Betrieb ähnlicher Größenordnung siedelte sich seither im Ruhrgebiet nicht mehr an. So wünschenswert die Ansiedlung einer bisher bis dahin "ruhrgebietsfremden" Industrie unter dem Aspekt der notwendigen Diversifizierung auch war, so begab sich die Stadt mit diesem Großbetrieb doch wieder in eine Form der Abhängigkeit, denn auch die Automobilbranche blieb von Absatzkrisen nicht verschont. Nachdem das Opel-Werk in Bochum 2005 vor der Schließung stand, wurden zahlreiche Stellen abgebaut. In naher Zukunft werden weitere Stellenstreichungen erwartet, vor allem, weil der Konzern die Produktion ganzer Fahrzeugkomponenten aus Kostengründen ins Ausland verlegt.
Inzwischen glaubt man im Ruhrgebiet, den notwendigen Strukturwandel eher mit kleinen und mittleren Betrieben zu schaffen, die durch ihre Branchenvielfalt weniger krisenanfällig sind und auf weltwirtschaftliche Veränderungen flexibler reagieren können. Beispiele auf der Karte sind die beiden Innovationszentren in unmittelbarer Nachbarschaft der Ruhr-Universität im Stadtteil Querenburg: das Technologiezentrum Ruhr (TZR), das schwerpunktmäßig mit Unternehmen der Medizintechnik besetzt ist, und das Technologiequartier, die beide aus gutem Grunde die räumliche und personelle Nähe zur Hochschule suchen, rekrutieren sie doch aus deren Potenzial ihre qualifizierten Mitarbeiter und setzen Forschungsergebnisse direkt in innovative Produkte um. An der Ruhr-Universität, der ältesten im Ruhrgebiet, sind gegenwärtig mehr als 33 000 Studierende eingeschrieben, mit deutlichen Schwerpunkten in den Fachbereichen Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften.
Neue Beschäftigung ist in Bereichen des tertiären Sektors entstanden. Zu nennen wären beispielsweise der Einzelhandel mit dem verkehrsgünstig am Autobahnkreuz A40 / A43 gelegenen Einkaufszentrum Ruhrpark und die Freizeit- und Kulturwirtschaft ("Aquadrom", RevierPower-Stadion). Zentren der "Hochkultur" in der Bergbaustadt sind das weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus bekannte Bochumer Schauspielhaus und die in einem ehemaligen Industriekomplex gelegene "Jahrhunderthalle"; für "leichteres" Amüsement und Vergnügen sorgt das Starlight-Express-Musical in einer eigens für diese Aufführung errichteten Halle (in die das Publikum seit 1988 von weither ununterbrochen strömt, um sich das Rollschuhspektakel anzusehen). Das deutsche Bergbaumuseum (westlich des Kartenausschnitts gelegen), die weltweit größte und bekannteste Einrichtung dieser Art, zählt Jahr für Jahr mehr als eine halbe Million Besucher.
Trotz zahlreicher gelungener Erneuerungen in dieser Altindustrieregion konnte bisher nur ein Teil der Industriebrachen einer Folgenutzung zugeführt werden. Selbst bei einer geglückten Neuansiedlung von Industrie, Gewerbe, Handel sowie von Einrichtungen der Kultur- und Freizeitwirtschaft konnte bislang nur ein Teil der durch den Strukturwandel verlorenen Arbeitsplätze ersetzt werden. Sichtbarer Ausdruck dieses Umstands sind die zurückgehenden Einwohnerzahlen in Bochum und vielen anderen Städten des Ruhrgebiets, und eine über dem Bundesdurchschnitt liegende Arbeitslosenquote.
Die zunehmende Wohnbaufläche bei schrumpfender Bevölkerung ist auf Veränderungen im Wohnverhalten zurückzuführen. Die Verbesserung der Wohnsituation (höherer Komfortanspruch, Trend zum Eigenheim) bringt eine größere Flächeninanspruchnahme mit sich; dies drückt ein Vergleich der durchschnittlichen Wohnungsgröße aus (1965: 69 m²; 2005: 97 m²).
E. Michel

Graphiken

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Konzentration der Stahlproduktion im Ruhrgebiet 1964-2004

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Beschäftigte nach Wirtschaftssektoren im RVR

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Von der Krise zum Wandel

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Beschäftigte im Montanbereich der RVR

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