Bevölkerungsdynamik - Binnenwanderungssaldo

Italien – Wirtschaft und Bevölkerung

978-3-14-100782-4 | Seite 57 | Abb. 4
Bevölkerungsdynamik | Binnenwanderungssaldo | Italien – Wirtschaft und Bevölkerung | Karte 57/4

Informationen


In der Europäischen Union (EU) gibt es für jeden Mitgliedsstaat eine räumliche Klassifizierung nach Regionen (NUTS, Nomenclature des unités territoriales statistiques), für die statistische Aussagen getroffen werden. In der Karte sind die Daten auf Basis der NUTS-2-Ebene der Regionen dargestellt, die wiederum zu fünf Gruppen von Regionen (NUTS-1-Ebene) zusammengefasst werden: Nordwesten, Nordosten, Zentrum, Süden sowie die Inseln Sardinien und Sizilien. In einem Detail unterscheidet sich die Grenzziehung der Karte von der EU-Einteilung. Hier gehört die Lombardei zum Nordosten, bei der EU zum Nordwesten.

Wanderung folgt Wohlstand
Italiens räumliche Struktur des Binnenwanderungssaldos zwischen den Jahren 2000 und 2012 ähnelt der des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf im Jahr 2012 (Karte 56.1): Es herrscht ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Das legt nah, dass die Wanderungsbewegungen ein Ergebnis der unterschiedlichen Wohlstandsniveaus in den italienischen Regionen sind. Teilweise liegt das BIP pro Kopf im Norden doppelt so hoch wie das im Süden (Mezzogiorno). Diese Situation hat sich historisch entwickelt und zeigt sich auch in den letzten Jahrzehnten sehr statisch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg spitzte sich die Lage zu, der Höhepunkt der Binnenwanderung lag zwischen 1950 und 1970. Entscheidend war das italienische Wirtschaftswunder, das sich in einer beschleunigten Industrialisierung äußerte. Der Strukturwandel fand vor allem im Piemont und der Lombardei im sogenannten Industriedreieck zwischen den Städten Mailand, Turin und Genua statt. Während dort Arbeitskräfte gesucht wurden, gab es für viele Menschen im agrarisch geprägten Mezzogiorno keine Perspektiven. In nur 20 Jahren verließen rund 4 Mio. Menschen die Region und suchten ihr Glück im Norden.
Die heutige Situation hat sich nicht grundlegend gewandelt. Jahrzehntelange Ausgleichszahlungen zwischen den Regionen haben nicht zur gewünschten Angleichung der wirtschaftlichen Niveaus geführt. 2012 standen einer Arbeitslosenquote von 6,7 % im Nordwesten Werte von 16,9 % im Süden und 17,7 % auf den Inseln gegenüber. Noch dramatischer ist die Jugendarbeitslosigkeit, die im Mezzogiorno um die 40 % beträgt. So sind es vor allem die Jungen, die wegziehen und damit den Süden weiter schwächen. Die Zahlen der Karte untermauern das: In der nördlichen Region Emilia Romagna mit der Hauptstadt Bologna liegt der Binnenwanderungssaldo zwischen den Jahren 2000 und 2012 bei einer Zuwanderung von mehr als 35 pro 1000 Einwohner. In Kampanien mit der Hauptstadt Neapel sowie Basilikata und Kalabrien sind es jeweils mehr als 35 Abwanderer pro 1000 Einwohner.

Dietmar Falk