Balearen (Spanien) - Tourismus

Europa - Tourismus

978-3-14-100383-3 | Seite 85 | Abb. 2
Balearen (Spanien) | Tourismus | Europa - Tourismus | Karte 85/2

Überblick

Zu den Balearen gehören die Inseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Mit über 16 Millionen Touristen jährlich (davon 11 Millionen auf der Hauptinsel Mallorca) ist die Inselgruppe eine der bedeutendsten Ferienregionen Europas. Die Balearen bilden seit 1983 eine politisch eigenständige autonome Region innerhalb des Königreichs Spanien. Ihre politische Stellung ist mit der eines deutschen Bundeslandes vergleichbar.

Urlauberhochburg Europas

Den größten Anteil an ausländischen Gästen stellen die Deutschen, die sich seit den frühen 1990er-Jahren eine Art Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Briten liefern. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Inseln. Während die Deutschen auf Mallorca klar in der Mehrheit sind, zieht es die Engländer stärker nach Menorca, Ibiza und Formentera. Spanische Urlauber geraten inzwischen zunehmend in die Minderheit, nur auf den kleineren Inseln stellen sie noch größere Anteile. Die stärksten Zuwächse gab es zuletzt bei Urlaubern aus Russland. Ihre im europäischen Vergleich herausragende Stellung unter den Ferienzielen verdanken Mallorca und seine Nachbarinseln unter anderem der leichten Erreichbarkeit. Rund 98 Prozent aller Touristen erreichen die Balearen auf dem Luftweg. In Deutschland steht der Flughafen Palma de Mallorca an erster Stelle unter den ausländischen Flugzielen. Viele Low-Cost-Fluggesellschaften fliegen Mallorca gleich mehrfach täglich mit einem sogenannten Mallorca-Shuttle an. Ein zweiter Pluspunkt der Balearen ist, dass sie sehr unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, weil sie vom Strand-, Familien- und Partytourismus bis zu hochwertigen Sportangeboten und ruhigen Rückzugsplätzen im Hinterland eine breite Palette von Urlaubsmöglichkeiten bieten. In den Sommermonaten wachsen somit viele Siedlungen zu Großstädten heran, während in den Wintermonaten einige der Küstenorte wie ausgestorben erscheinen. Im letzten Jahrzehnt hat sich eine weitere Tourismusform etabliert: der Kreuzfahrttourismus. Insbesondere Palma de Mallorca ist ein wichtiges Ziel der Kreuzfahrttouristen geworden. Über 1,5 Millionen Passagiere gehen hier jährlich an Land – Tendenz steigend. Neben der Luftverschmutzung durch die Schiffe im Hafen sind auch die zusätzlichen Menschenmassen, die sich vor allem in der Hauptstadt konzentrieren, problematisch. Andererseits bringen die Kreuzfahrttouristen zusätzliche Einnahmen, die sich auf etwa ein Prozent der Gesamteinnahmen Mallorcas belaufen.

Ökologie und Tourismus

Die fortlaufende Steigerung der Gästezahlen wirft zunehmend Probleme bei der Wasserversorgung auf, zumal die sommerliche Trockenperiode genau in die Hochsaison fällt. Bereits 1985 war die Wasserbilanz Mallorcas im Jahresmittel ausgeschöpft, seitdem hat sich die Zahl der Besucher mehr als verdoppelt. Inzwischen sorgen mehrere große Meerwasserentsalzungsanlagen auf allen vier Inseln für eine mittelfristig hinreichende Trinkwasserversorgung. Die Wasserverknappung ist nur eine der spürbaren Folgen des ökologischen Raubbaus, der mit dem Massentourismus begann. Inzwischen hat auf den Inseln ein Umdenken begonnen. 1988 wurde an der Nordküste von Mallorca das Naturschutzgebiet Albufera ausgewiesen; das größte Feuchtgebiet der Balearen gilt heute als ökologisches Vorzeigeprojekt. Auch die Sierra de Tramuntana, die gerne von Bergwanderern besucht wird, wurde als „Naturgebiet von besonderem Interesse“ ausgewiesen. Ein Meilenstein für den Naturschutz war 1993 die Ausweisung Menorcas als Biosphärenreservat. Auf gut 40 Prozent der Inselfläche sind touristische Aktivitäten heute nur noch unter strengen Auflagen möglich.

Vom Massen- zum Qualitätstourismus

Seit 1991 propagieren die Balearen einen Qualitätstourismus, der vornehmlich einkommensstarke Nachfragegruppen ansprechen soll. Mit dieser Trendwende wollten sie sich auch gegenüber der Türkei profilieren, die sich seit den 1980er-Jahren zu einem starken Konkurrenten entwickelt hat. Bevorzugte Zielgruppen dieses Qualitätstourismus sind Segler und andere Wassersportler, Golfer, Radsportler und Naturliebhaber. Obwohl diese Gruppen prozentual nur einen überschaubaren Teil der Touristen stellen, sind sie wirtschaftlich von zunehmender Bedeutung. Der Residenztourismus von Ausländern, die die Balearen zu ihrer Wahlheimat erkoren haben, wird von der ansässigen Bevölkerung zunehmend kritisch bewertet. Allein für Mallorca schätzt man den Anteil von Flächen im Besitz ausländischer Eigentümer auf rund 20 Prozent. Das geflügelte Wort von Mallorca als dem „17. deutschen Bundesland“ wird auf den Balearen nicht gerne gehört. Auf Menorca, das rund 100 Jahre lang Teil des britischen Imperiums war, ist der Anteil britischer Grundeigentümer bis heute vergleichsweise hoch.

Entwicklungsphasen des Balearen-Tourismus

Die Tourismusentwicklung auf den Balearen verlief in verschiedenen Phasen. Die erste, von etwa 1960 bis 1972, war eine frühe Boomphase ohne planerische Eingriffe. Aus dieser Zeit datieren gravierende, überwiegend irreversible Landschaftszerstörungen, vor allem durch die Verbauung der Küsten. Die zweite Phase von 1973 bis 1980 brachte den Balearen einen ersten Rückschlag durch die Ölkrise und eine weltweite wirtschaftliche Rezession. In der dritten Phase ab etwa 1981 reagierte die Tourismusbranche auf diesen Einbruch mit Billigangeboten für Kunden mit geringer Kaufkraft; das Ergebnis war ein rascher Qualitätsverfall des touristischen Angebots. In der vierten Phase, die Ende der 1980er-Jahre begann, verlor Spanien innerhalb weniger Jahre durch wirtschaftliche Veränderungen im In- und Ausland seine komparativen Kostenvorteile. Weil ein weiteres Absenken des Preisniveaus aus Rentabilitätsgründen nicht mehr möglich war, setzte langsam ein Umdenken ein, hin zu einer qualitativen Aufwertung des touristischen Angebots. Für Neubauten galten fortan strenge Planungsvorgaben, die Kontrollen von Hotellerie und Gastronomie wurden verschärft. In Einzelfällen wurden zur Auflockerung der Strandverbauung alte Hotelbauten wieder abgerissen.

Strukturwandel durch Tourismus

Die Balearen waren bis in die 1960er-Jahre stark von Abwanderung betroffen, weil die Inseln keine wirtschaftliche Perspektive hatten. Der Abwanderungstrend endete mit Beginn des Massentourismus. Seither ist die Bevölkerung vor allem durch Zuwanderung – erst vom spanischen Festland, seit den 1990er-Jahren auch aus anderen europäischen Ländern – von 440 000 (1960) auf gut 1,1 Mio. Einwohner (2017) angewachsen. Von dieser Entwicklung profitierte in erster Linie Mallorca mit derzeit 869 000 Einwohnern, aber auch Ibiza (144 000 Einwohner), Menorca (91 000 Einwohner) und Formentera (12 000 Einwohner). Der Tourismus führte auf den Balearen zu einem einschneidenden sozioökonomischen Wandel. Auf den einst agrarisch geprägten Inseln entstand eine Dienstleistungsgesellschaft, die weitgehend von der touristischen Nachfrage aus dem Ausland abhängt. Auf den Dienstleistungssektor entfallen derzeit 75 Prozent der regionalen Bruttowertschöpfung, auf das Baugewerbe, das seine Aufträge im Wesentlichen der Tourismuswirtschaft verdankt, weitere 10 Prozent. Die Landwirtschaft stellt noch immer rund 10 Prozent der Arbeitsplätze, trägt aber nur noch weniger als 2 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei.

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