Anspach - Wandel der Dorfstruktur - Wohngemeinde 2015

Deutschland - Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen

978-3-14-100803-6 | Seite 76 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 60.000
Anspach | Wandel der Dorfstruktur | Deutschland - Wandel ländlicher und städtischer Siedlungen | Karte 76/2

Überblick

Aus dem Vergleich der Karten von 1910 und 2013 geht hervor, dass sich in Anspach, dem größten der vier Ortsteile von Neu-Anspach, in den letzten 100 Jahren ein grundlegender Wandel in der Sozial- und Wirtschaftsstruktur vollzogen hat. Im 19. Jahrhundert war Anspach ein klein- und zwergbäuerlicher Ort mit starken heimgewerblichen Existenzanteilen, der um 1900 begann, sich zur Arbeiterwohngemeinde zu wandeln und sich zugleich räumlich auszudehnen.

Seit 1945 hat sich die Dorffläche um das Fünffache vergrößert. Allerdings sind die Gebäude heute nicht mehr so dicht gebaut wie in dem alten Haufendorf. Es handelt sich weitgehend um frei stehende Einzelhausbebauung ohne Scheunen- und Wirtschaftsgebäude, aber mit Gärten und Freizeitflächen. Die öffentlichen Gebäude und Industriebetriebe bezeugen, dass sich die Entwicklung zur gewerbestarken Wohngemeinde vollzogen hat.

Gründung von Neu-Anspach

Die vier Gemeinden Anspach, Rod am Berg, Hausen-Arnsbach und Westerfeld haben sich im Zuge der Gebietsreform von 1972 zu einer neuen Großgemeinde zusammengeschlossen. Dieser wurde seitens der „Regionalen Planungsgemeinschaft Untermain“ die Funktion eines Siedlungsschwerpunkts zuerkannt. Seitdem hat sich eine deutliche Siedlungsachse sowohl von Anspach wie von Hausen auf eine neue Ortsmitte hin entwickelt. Der auf der „grünen Wiese“ entstandene neue Ortsmittelpunkt besitzt heute zentralen Charakter.

Die noch bis 1990 landwirtschaftlich genutzten Freiflächen zwischen Hausen-Arnsbach und dem Dorfzentrum wurden inzwischen zu neuen Wohngebieten, wodurch nun Anspach, Neu-Anspach und Hausen-Arnsbach ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet bilden. Nur noch ein schmaler Grünzug lässt die ursprünglichen Abgrenzungen und Freiräume erkennen. Auch im Nordosten gibt es große Baugebiete, die in einem ausgedehnten Gewerbegebiet die Bahntrasse in Richtung Westerfeld überschreiten. Schon in den nächsten Jahren ist ein Zusammenwachsen mit dem östlichen Ortsteil zu erwarten.

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Entwicklung zum Siedlungsschwerpunkt

Die größten Veränderungen ereigneten sich jedoch nach 1950. Zur Ausdehnung der Siedlungsfläche führte nicht nur der Zustrom von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus dem Osten, sondern in erster Linie das Phänomen der Stadtflucht, der Trend zum „Wohnen im Grünen“ (Suburbanisierung). Auch die ortsansässige Bevölkerung blieb vor Ort und errichtete, animiert durch das „Wirtschaftswunder“ und eine entsprechende Baupolitik, neue Wohnsitze in Anspach.

Am Südwestrand von Hausen wurde zu Beginn der 1960er-Jahre ein neues Wohnbaugebiet erschlossen, ebenso wenige Jahre später im Nordwesten von Westerfeld, sodass auch hier ein Zustrom von Bevölkerung zu verzeichnen war. Am stärksten jedoch profitierte Anspach von dem Zuwachs, der aus dem Stadtraum Rhein-Main über den Taunus „schwappte“. Die Siedlungsfläche wurde dort um das Vier- bis Fünffache erweitert, die Bevölkerung verdoppelte sich aber im gleichen Zeitraum nur. Dies belegt eine flächenintensive Bauweise, die Züge einer Zersiedlung trug und erst durch die Ausweisung als Siedlungsschwerpunkt mit verdichteter Flachbauweise gestoppt wurde. Der ursprüngliche Stadtentwicklungsplan hatte eine Zahl von 35 000 Neuansiedlungen in der Gemeinde vorgesehen, dieser Eckwert wurde jedoch nach dem Rückgang des Bevölkerungsdrucks ab etwa 1973 um die Hälfte reduziert.

Die städtebaulichen Ziele wurden dabei jedoch nicht aus den Augen verloren. Zwischen Hausen, Westerfeld und Bahnhof liegen heute drei gut ausgelastete Gewerbegebiete, sodass viele Menschen einen Arbeitsplatz vor Ort gefunden haben. Wegen Auslastung des 1974 ausgewiesenen Gewerbegebiets „Im Feldchen“ wurden nach 1990 die Gewerbegebiete „Am Burgweg“ und „Am Kellerborn“ erschlossen. Weil auch sie kaum noch über Flächenreserven verfügen, ist ein weiteres Gewerbegebiet nordöstlich davon geplant.

Der Ausbau der Infrastruktur wird fortgeführt: Allein seit 1999 entstanden drei neue Kindertagesstätten, ein Jugendzentrum, ein Schulsportplatz, eine Sporthalle, ein Feuerwehr-Gerätehaus und ein Bauhof, im Mai 2014 wurde das neue Rathaus eröffnet.

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Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialstruktur

In der stark agrarisch geprägten Gemeinde Anspach bestanden vor dem Ersten Weltkrieg noch mehr als 90 Prozent der Bausubstanz aus kleinen Bauernhöfen. Das Zusammenspiel zwischen einer vergleichsweise großen Bevölkerung einerseits und dem System der Realteilung andererseits hatte schon im 19. Jahrhundert eine klein- und zwergbäuerliche Struktur hervorgebracht. Bereits um 1780 reichte für über die Hälfte der Bevölkerung die vor Ort erzeugte Nahrung nicht mehr aus. Ein ausreichendes Einkommen konnte nur durch Nebenerwerb gesichert werden, insbesondere im Heimgewerbe der Nagelschmiederei und der Weberei.

Diese Heimgewerbe erfuhren jedoch im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen der Industrie und den damit einhergehenden Preisverfall einen Niedergang. Anspach wurde zeitweise Notstandsgebiet, was auch für die Feldbergdörfer, allerdings nicht so sehr für die kleinen Nachbargemeinden Rod am Berg, Hausen und Westerfeld galt. Viele Menschen mussten sich als Tagelöhner bei den großen Bauern verdingen, andere wanderten in die Städte des Rhein-Main-Gebietes oder nach Amerika aus.

Der Prozess der Landflucht erreichte vor der Wende zum 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Andererseits kamen kleine dörfliche Gewerbe in der Holzverarbeitung auf, darunter Schreinereien und Sägewerke, später auch Metall- und Reparaturbetriebe. In den Gründerjahren wurde die Not der einkommensschwachen Schichten durch die Gründung von drei Knopffabriken gemindert.

1895 wurde Anspach durch die Eisenbahn an das Rhein-Main-Gebiet angeschlossen. Ab 1900 begann sich die kleinbäuerliche Agrargemeinde aus einigen Handwerkern und Arbeiterbauern allmählich in eine Arbeiterwohngemeinde umzuwandeln. Statt neuer Bauernhöfe wurden fast nur noch reine Wohnhäuser gebaut, nach dem Ersten Weltkrieg auch erste kreis- oder gemeindeeigene Mietshäuser, gleichzeitig eröffneten die ersten Ladengeschäfte.

Die Siedlung dehnte sich in erster Linie in Richtung des Bahnhofs und der steileren Berghänge aus.

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Graphiken

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Charakteristische bauliche Merkmale

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