Amazonien - Eingriffe in den tropischen Regenwald - 2018

Südamerika - Wirtschaft und Umwelt

978-3-14-100381-9 | Seite 163 | Abb. 2
Amazonien | Eingriffe in den tropischen Regenwald | Südamerika - Wirtschaft und Umwelt | Karte 163/2

Überblick

Der in den Karten dargestellte Raum ist dreigeteilt: Im Zentrum steht das Amazonasbecken, natürlicherweise bedeckt von tropischen Regenwäldern, wie 1980 noch überwiegend erkennbar. Im Süden des Kartenausschnittes geht die Zone der tropischen Regenwälder in die Zone der Feuchtsavanne über. Die Feuchtsavanne und die Übergangszone zum Regenwald sind aufgrund ihrer natürlichen und klimatischen Bedingungen hervorragend für die landwirtschaftliche Nutzung geeignet und wurden deshalb durch anthropogene Nutzung bereits sehr stark verändert und umgestaltet. Im Südwesten ist das Hochgebirge der Anden angeschnitten, es grenzt Amazonien zum Pazifik hin ab.

Anfänge der Erschließung

Die wirtschaftliche Ausbeutung Amazoniens begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Gewinnung von Kautschuk. Ihre zerstörerische Dynamik entfaltete sie aber erst ab etwa 1970, als mit dem Bau einer durch das südliche Amazonien führenden Fernverkehrsstraße, der Transamazônica, begonnen wurde, die später durch weitere Fernstraßen ergänzt wurde. Obwohl erste Erschließungsversuche weitgehend scheiterten, markierten sie den Beginn jahrzehntelanger großflächiger Eingriffe in den tropischen Regenwald. Ein wesentliches wirtschaftliches Motiv der Erschließung war und ist bis heute der Einschlag von Holz, zum Beispiel von Mahagoni. Dieses Hartholz, von großer Haltbarkeit, fand in den Industrieländern zum Beispiel im Fenster- und Möbelbau starke Verbreitung. Im Laufe der Zeit beteiligten sich weit mehr als 2000 Holzunternehmen, überwiegend ausländischer Herkunft, an der Ausbeutung des Tropenwaldes. Auch wenn der Handel mit Mahagoniholz inzwischen durch internationale Abkommen beschränkt ist (die Einfuhr ist in Deutschland genehmigungspflichtig), geht der Einschlag in großen Maßstab weiter, oft auch illegal. Ab etwa 1975 kam es mit Unterstützung der Regierung zu großflächigen Waldrodungen in den südlichen Randgebieten Amazoniens und längs neu angelegter Straßentrassen. Viele dieser Rodungen wurden durch zugewanderte Agrarkolonisten durchgeführt, die Flächen für den landwirtschaftlichen Anbau oder die Rinderhaltung gewinnen wollten. Die Agrarkolonisation schob sich von Süden entlang der Verkehrsachsen in die Bundesstaaten Rondônia, Mato Grosso und Pará vor. Parallel dazu stieg die Bevölkerung rasch an. Als eine dritte Ursache für die Zerstörung der tropischen Wälder erwies sich die Ausbeutung von Bodenschätzen. Durch die Entdeckung und bergbauliche Erschließung riesiger Eisenerzvorkommen und bedeutender Lagerstätten beispielsweise von Gold, Zinn, Asbest, Bauxit und Erdöl schritten die Eingriffe in den Regenwaldbestand immer weiter voran (z. B. in der Region um Carajas). Alle drei Prozesse, der Holzeinschlag, die Agrarkolonisation und der Rohstoffabbau, waren und sind eng miteinander verbunden. So folgt zum Beispiel die illegale Landnahme häufig den Trassen, die für den Holzeinschlag oder den Erztransport angelegt wurden.

Aktuelle Entwicklungen

In den letzten Jahrzehnten haben sich im Bereich der Landwirtschaft mehrere Entwicklungen verstärkt und spielen heute eine Hauptrolle bei der Entwaldung Amazoniens, vor allem im Süden: – die Rinderhaltung in Großbetrieben – die Ausweitung der Anbauflächen für Soja, das als Kraftfutter in der Rinder- und Schweinemast verwendet wird – der Boom von Biokraftstoffen, hier vor allem der Anbau des Rohstoffs Zuckerrohr. Die brasilianische Regierung treibt die wirtschaftliche Entwicklung Amazoniens auch in den Bereichen Industrie und Dienstleistungen voran. Beleg dafür sind die Freihandelszonen entlang des Amazonas. Insbesondere Manaus hat inzwischen eine vergleichsweise breite industrielle Basis. Die Stadt profitiert dabei auch von der direkten Erreichbarkeit mit Ozeanschiffen über den Amazonas und den Erdöl- und Gasvorkommen im Westen Amazoniens. Die Entwaldung Amazoniens schreitet seit Beginn der Erschließung rasch voran. Im Bundesstaat Mato Grosso war 1975 etwa ein Prozent der Landfläche von den Rodungen betroffen, 1980 waren es bereits mehr als sechs Prozent, heute sind mehr als drei Viertel der ursprünglichen Regenwaldflächen Weide- und Ackerland gewichen. Ähnlich liegen die Verhältnisse in den Bundesstaaten Pará, Rondônia und Maranhão. In den Bundesstaaten Amazonien und Amapá ist der Waldanteil hingegen noch immer relativ groß. Aktuell werden nach offiziellen Angaben pro Jahr in Amazonien zwischen 4500 und 6000 Quadratkilometer Wald vernichtet, dies entspricht der 2- bis 2,5-fachen Fläche des Saarlands. Seit etwa 2005 gehen die jährlichen Entwaldungsraten deutlich zurück. Umweltschützer gehen davon aus, dass es eine beträchtliche Dunkelziffer bei gerodeten Flächen gibt, die offiziell nicht erfasst werden. Die Karte zeigt einen relativ großen Anteil an Schutzgebieten für Indios. Sie sind – oft im Gegensatz zu ihrer Umgebung – fast vollständig bewaldet. Die Vielzahl illegaler Eingriffe und gewaltsamer Verdrängungen lässt vermuten, dass es aber auch hier zu Waldverlusten kommt. Außerhalb der Schutzgebiete gibt es in den Bundesstaaten Amazonas und Acre nennenswerte geschlossene Regenwaldflächen ohne besonderen Schutzgebietsstatus. Es ist zu befürchten, dass Holzeinschlag, Agrarkolonisation und Rohstoffabbau in den nächsten Jahrzehnten in diese Gebiete vordringen werden (von Süden, entlang der Straßen bzw. des Amazonas).

Der Preis des Raubbaus

Soweit die Stammesgebiete der noch etwa 100 000 indianischen Ureinwohner Amazoniens in Gebieten lagen, die sich in irgendeiner Weise wirtschaftlich ausbeuten ließen, wurden sie rücksichtslos verdrängt. Einige Stämme leben heute in Schutzgebieten, doch oftmals drohen ihnen der Verlust der kulturellen Identität oder das Verschwinden. Eine andere Folge ist die Verminderung der Verdunstung und die dadurch bedingte Abnahme der Niederschläge, die beispielsweise zu Veränderungen im Jahresgang der Niederschläge mit atypischen Trockenphasen führen könnte. Überdies lässt sich in den Rodungsgebieten eine dramatische Zunahme der Bodenerosion beobachten. Die Ausschwemmungen führen nicht nur zu einem erheblichen Verlust an Nährstoffen, sondern auch dazu, dass viele Flüsse in der Amazonasregion von Schlammmassen braun verfärbt sind. Eine nicht weniger große Gefahr speziell für die Flüsse und ihre Bewohner sind Verunreinigungen durch Erdöl und durch hochgiftige Chemikalien und Metalle, etwa Quecksilber, die beim Abbau von Bauxit, Gold und anderen Rohstoffen zur Anwendung kommen und in großen Mengen in die Flüsse gelangen. Unabsehbar sind die Folgen für das Weltklima, die durch die Zerstörung der „grünen Lunge“ der Erde und den dadurch verstärkten Anstieg des CO2-Gehaltes in der Erdatmosphäre zu erwarten sind.

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