Allgäu - Grünlandwirtschaft

Deutschland - Landwirtschaftliche Betriebe

978-3-14-100803-6 | Seite 59 | Abb. 8 | Maßstab 1 : 125.000
Allgäu | Grünlandwirtschaft | Deutschland - Landwirtschaftliche Betriebe | Karte 59/8

Überblick

Die Landschaftsbezeichnung „Allgäu“ ist wahrscheinlich vorindogermanischen Ursprungs. Der Namensbestandteile „alb“ bedeutet „Berg“ oder „hoch“, „Geäue“ ist die Mehrzahl von „Au“. Das niederschlagsreiche Gebiet vor den Alpen mit dem Hauptort Kempten gehört zum größten Teil zu Bayern, im Westen zu Baden-Württemberg und mit dem Kleinen Walsertal zu Österreich. Den Nordsaum bilden die Endmoränenzüge der Würmeiszeit, die weitgehend mit der 1000-Millimeter-Isohyete zusammenfallen, die ungefähr der Grenze des rentablen Getreidebaus entspricht. Bis hierher reicht auch, mit Ausnahmen, das zusammenhängende Grünland.

Entstehung des „grünen Allgäus“

Nicht etwa naturgeographische Voraussetzungen wie Höhenlage, Niederschläge oder Reliefenergie ließen in dieser Region eine Grünland-/Milchwirtschaftsregion entstehen, sondern eine Krisensituation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war das Allgäu geprägt von Viehzucht und dürftigem Acker- und Flachsanbau, wobei letzterer durch Garnspinnerei und Leinenweberei in Heimarbeit ergänzt wurde. Ab 1820 aber verdrängte die überlegene maschinelle Textilindustrie Englands mit billigeren Baumwollprodukten die Leinenweberei und den Flachsanbau, wodurch der wichtigste Nebenverdienst der bäuerlichen Bevölkerung wegfiel. Überdies wurde der Ackerbau durch die ab 1750 in ganz Europa messbare Klimaverschlechterung mit dem Temperaturminimum um 1800 beeinträchtigt, die sich während des ganzen 19. Jahrhunderts in feuchteren Sommern und kälteren Wintern äußerte.

Als „Notwender“ erwiesen sich zwei Innovationen, nämlich die Übernahme der Emmentalerkäserei nach Schweizer Vorbild (1827) und der Limburgerkäserei (um 1830) aus Belgien. Die Folge war ein bis ins 20. Jahrhundert fortschreitender Vergrünlandungsprozess – aus dem wegen der Flachsblüte „blauen“ wurde das „grüne Allgäu“. Entscheidend für den Erfolg der Milchwirtschaft als alleiniger Wirtschaftsform des südlichen Allgäus war aber schließlich die Ausweitung der Absatzmöglichkeiten durch den Anschluss an das bayerische Eisenbahnnetz nach 1850.

Käseküche Deutschlands“

Der Bereich südwestlich von Kempten / Allgäu (Landkreis Oberallgäu) ist agrarwirtschaftlich ausschließlich durch Dauergrünland mit dem Schwerpunkt Milcherzeugung gekennzeichnet. Dabei lassen sich die Talbetriebe und die auf den Sommer beschränkte Almwirtschaft der Höhenlagen unterscheiden. Die Vielzahl von – überwiegend ehemaligen – Molkereien und Käsereien zeigt, dass die Weiterverarbeitung im Erzeugungsgebiet, der „Käseküche Deutschlands“, einstmals eine entscheidende Rolle spielte.

Das Siedlungsbild ist bestimmt durch Streusiedlungen mit kleinen Weilern und Einödhöfen.

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Landschaftsschutz und neue Herausforderungen

Um die kriselnde Alpwirtschaft vor dem vollständigen Kollaps zu bewahren, wurde 1972 von der Bayerischen Staatsregierung das Programm „Schutz dem Bergland“ zur gezielten Förderung der Berglandwirtschaft eingeführt, vor allem für Vorrangalpen mit besonderem Nutzungspotenzial. 1988 startete das Bayerische Kulturlandschaftsprogramm (KULAP), das Leistungen für den Natur- und Umweltschutz fördert, darunter auch Wirtschaftsformen, die dem Erhalt der Kulturlandschaft dienen. Durch die Ausschüttung einer „Behirtungsprämie“ beispielsweise hat sich die Personalsituation auf den Alpen deutlich stabilisiert.

Neue Herausforderungen für die Grünlandwirtschaft im Allgäu werden sich zweifellos durch das geplante Auslaufen der EU-Milchquote ab 2015 ergeben (vgl. 57.3), welche die Milchviehhaltung sowohl auf dem Alpen als auch im Tal strukturell verändern wird; Skeptiker befürchten einen rückläufigen Jungviehbestand mit entsprechenden Auswirkungen auf die Auftriebszahlen. Für die weitere flächendeckende Bewirtschaftung der Allgäuer Alpen wird deshalb eine zielgerichtete Förderung durch EU-Mittel unerlässlich sein.

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Strukturwandel im Allgäu

Aufgrund des hohen bergbäuerlichen Selbstversorgungsgrads hielten sich der Viehauftrieb und die genutzte Alpfläche im Allgäu noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg auf vergleichsweise hohem Niveau. Zu einem schweren Einbruch kam es erst in den 1960er-Jahren, die das endgültige Ende der bäuerlichen Selbstversorgerwirtschaft brachten. Agrarmarktbedingte Rationalisierung und der Trend zur Konzentration auf wenige kostengünstige Standorte bei gleichzeitiger Reduzierung der erforderlichen Arbeitskraft, führten zu einem grundlegenden Strukturwandel der Milchwirtschaft im Allgäu.

Die Milchverarbeitung wurde vielfach ins Tal verlagert. Aus den traditionellen Sennalpen wurden dadurch zunehmend reine Milchlieferungs- oder Jungviehalpen. Inzwischen sind weniger als ein Prozent der bayerischen Almen Senn- oder Kuhalpen, während mehr als 40 Prozent reine Galtalpen für die Aufzucht von Jungvieh sind; lediglich in einigen Teilen des Allgäus (vgl. in der Karte z. B. die Schwabenberg-Alpe) spielen Milchkühe noch eine gewisse Rolle, doch ihr Bestand ist seit den 1960er-Jahren kontinuierlich rückläufig.

Die vielen kleinen Molkereien, die um 1960 noch in fast jedem Dorf oder Weiler existierten, sind im Zuge dieser Entwicklung fast ausnahmslos verschwunden. Die heutige Struktur wird durch wenige milchindustrielle Großbetriebe bestimmt, die die Milchabholung organisieren und auch aus anderen Regionen Milch „importieren“. Im Kartenausschnitt gibt es derzeit noch ein mittelständisches Unternehmen mit regionaler Vermarktung in Diepolz und eine Großmolkerei in Kempten, die zu den führenden Käseherstellern in Deutschland gehört.

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