Afrika nördlicher Teil - Wirtschaft

Afrika nördlicher Teil - Wirtschaft

978-3-14-100700-8 | Seite 142 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 16.000.000
Afrika nördlicher Teil | Wirtschaft | Afrika nördlicher Teil - Wirtschaft | Karte 142/1

Informationen

Die Übersicht über die wirtschaftlichen Aktivitäten im nördlichen Teil Afrikas lässt unschwer erkennen, dass die Ökonomie in dieser Region im Wesentlichen auf der Ausbeutung von Rohstoffen und der Landwirtschaft beruht. Die Industrie spielt in den meisten Gebieten praktisch keine Rolle, abgesehen von einigen Küstenstädten in Ägypten, den Maghreb-Staaten und in den Tropen. Bei der Landwirtschaft zeigt sich eine zonale Anordnung, die den Klima- und Vegetationszonen bzw. den Höhenstufen entspricht. Bergbauliche Aktivitäten gibt es punktuell, ohne ausgeprägte Schwerpunkte, abgesehen vielleicht von den relativ bedeutenden Erdöl- und Erdgaslagerstätten in Algerien und Libyen.

Landwirtschaft in Nordafrika
Die landwirtschaftliche Nutzung lässt die Großgliederung des Raumes in den mediterranen Saum Afrikas, in die Atlasketten, die Sahara, die Sahelzone, die Sudanzone und die Regenwaldgebiete am Golf von Guinea erkennen. Weizenanbau, Weinbau, Obst- und Olivenkulturen dominieren in den Ebenen des humiden bis semiariden Nordafrika. Die Gebirgsteile tragen noch Reste mediterraner Wälder, die Hochflächen und mittleren Lagen sind einbezogen in die Wanderweidewirtschaft der Steppenbevölkerung.
In Libyen, wo mehr als 90 Prozent der Landesfläche aus Wüste bestehen, ist ein landwirtschaftlicher Anbau nur auf rund 2 Prozent der Landesfläche möglich; die wichtigsten Anbaufrüchte sind Weizen und Gerste, Gemüse — vor allem Tomaten —, Obst und Oliven. Da es in Libyen keinen einzigen Fluss gibt, der das ganze Jahr über Wasser führt, könnte das Land unter natürlichen Umständen kaum ausreichen Lebensmittel produzieren, um die eigene Bevölkerung zu versorgen. Um die Anbauflächen zu vergrößern, wird im Rahmen des Bewässerungsprojekts "Großer künstlicher Fluss" seit Mitte des 1980er-Jahre fossiles Grundwasser durch ein Netz von Rohrleitungen aus den südlichen Landesteilen in die Küstenregionen geleitet.
In der Sahara und in ihren Randgebieten existiert trotz zunehmender Sesshaftigkeit der Bevölkerung noch eine halbnomadische Weidewirtschaft. Die Wandergebiete reichen bis in die mediterranen Steppen bzw. in die Sahel-Sudanzone Westafrikas. Während in Nordafrika die wirtschaftliche Bedeutung der Wanderweidewirtschaft gering ist, besitzt sie in Westafrika noch immer eine erhebliche Funktion für die Fleischversorgung und die Produktion von Häuten.
Die wichtigsten Standorte für die agrarische Nutzung der Wüsten sind die Oasen. Das "Oasensterben", das in den 1950er-Jahren prognostiziert wurde, hat sich nicht bewahrheitet. Der Zwang zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion von Datteln, Getreide und Gemüse hat in allen Ländern der Sahara zu einem Ausbau der Oasen geführt. Der Expansion der Bewässerungsflächen stehen aber Verluste durch Versalzung und Versandung gegenüber, sodass insgesamt bei starkem Bevölkerungswachstum die Nahrungsmittelversorgung der Länder Nordafrikas prekär bleibt und viele nach wie vor auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind.
Gleiches trifft für die Länder der Sahelzone zu. In diesem Kontaktraum zwischen Halbnomaden und Ackerbauern besteht ein erhebliches ökologisches Risiko durch Niederschlagsschwankungen und episodische Dürren. Flächenmäßig dominiert in dieser Dornstrauchsavanne die halbnomadische Weidewirtschaft, wobei die Fulbe-Rinderhirten die bedeutendste Gruppe stellen.
Die steigenden Zahlen an Rindern, Ziegen und Schafen — ein Resultat des Bevölkerungswachstums, der steigenden Fleischnachfrage in den Städten, aber auch mancherorts der Wasserversorgung — sind eine der Ursachen für die fortschreitende Desertifikation. Eine andere ihrer Ursachen ist die Ausdehnung des Ackerbaus in regenreichen Jahren bis weit über die agronomische Trockengrenze hinaus. Auch die Abholzung zur Brennholzgewinnung vernichtet flächenhaft die Baumbestände und leistet dadurch der "Verwüstung" Vorschub.
Verstreut gibt es in Nordafrika einige Bewässerungsgebiete wie entlang des Senegalflusses, im Niger-Binnendelta oder im zentralen Sudan. Unmittelbar südlich der Sahelzone erstrecken sich in der Sudanzone wichtige landwirtschaftliche Siedlungs- und Produktionsgebiete vom Senegal bis in den Sudan. Aus dieser Hirse-Erdnuss-Baumwoll-Zone dringt die Bevölkerung in regenreichen Jahren nach Norden in die Dornsavanne vor, wobei sie den Anbau in Altdünengebiete ausdehnt. In niederschlagsarmen Jahren werden diese Bereiche durch Winderosion zerstört und unbewohnbar. Deshalb besteht eine allgemeine Wanderungstendenz der Bevölkerung als Wanderarbeiter oder zur Daueransiedlung nach Süden in die Feuchtsavanne bzw. in die Regenwaldgebiete, insbesondere in die Küstenmetropolen. Infolge von Verarmung hat aber auch eine Rückwanderung aus den Städten in den ländlichen Raum begonnen.
Die Trockensavanne Westafrikas gehört zu den wichtigsten Hirse-, Erdnuss- und Baumwollanbaugebieten des Kontinents. Ausgehend von den Konzentrationen bäuerlicher Bevölkerung in den alten Reichen der Sudanzone hat sich der Erdnuss- und Baumwollanbau seit der Kolonialzeit zu einem wichtigen landwirtschaftlichen Erwerbszweig entwickelt. Heute stehen die Länder der Sahel-Sudanzone allerdings vor dem Problem der Exportabhängigkeit von Erdnuss bzw. Baumwolle — zumal sie auf dem Weltmarkt mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen konkurrieren müssen, die von den reichen Industrienationen in starkem Umfang subventioniert werden. Die Preise für amerikanische Baumwolle beispielsweise werden durch staatliche Zuschüsse in Höhe von jährlich 5 Mrd. US-Dollar künstlich gesenkt.
Die Situation hinsichtlich Nahrungsmittelversorgung und Exportproduktion stellt sich in den Küstenstaaten Afrikas, die über Anteile an der Feuchtsavanne oder am tropischen Regenwald verfügen, meist etwas günstiger dar. Hier dominieren Mais, Yams, Maniok, Kochbanane und Reis als Nahrungsmittel. Als ölliefernde Pflanzen stehen der Schibutterbaum (Karite) und die Ölpalme zur Verfügung. Baumwolle bzw. Kaffee, Kakao und Palmöl sind wichtigste Exportprodukte, seit einiger Zeit werden sie auch (wieder) durch Kautschuk ergänzt. In Westafrika bedeckt der tropische Regenwald nur noch in Liberia große Flächen.
Das äthiopische Hochland weist als "Gebirgsfestung" deutliche Höhenstufen der Nutzung auf, die überlagert werden vom Gegensatz zwischen Feuchtgebieten im Süden und dürregefährdeten Trockengebieten im Norden des Landes. Während im wüstenhaften Tiefland noch immer eine nomadische Lebensweise vorherrscht, wird das Hochland in den zentralen und nördlichen Teilen durch den Anbau von Getreide geprägt, das hier als Grundnahrungsmittel dient. Im südlichen Hochland liegt das wichtigste Kaffeeanbaugebiet Nordafrikas.

Bergbau und Industrie
Die Netze der Erdöl- und Erdgasleitungen in Nordafrika und die zahlreichen Symbole für Lagerstätten, Erdölraffinerien und Chemischen Industrien an der Küste Nordafrikas lassen die erstrangige Bedeutung dieser Wirtschaftszweige für die Volkswirtschaft vor allem von Algerien und Libyen, aber auch für Tunesien und Ägypten erahnen. Die genannten Länder gehören mit Nigeria, dem größten Erdöllieferanten Afrikas, zur Gruppe der "Erdöl exportierenden Länder mittleren Einkommens". Diese Staaten haben bereits eine volkswirtschaftlich bedeutende Industrialisierung von der Grundstoff- bis zur Konsumgüterindustrie erreicht.
In Marokko, das über zwei Drittel der bekannten Weltreserven an Phosphaten verfügt, hat die Industrialisierung mit der Phosphaterzeugung begonnen; heute liegt das Land auf diesem Sektor weltweit an dritter Stelle. Zu den reichen Bodenschätzen Marokkos zählen außerdem Steinkohle, Erdöl und Erdgas sowie Blei-, Kupfer- und Eisenerze. Wichtige Industriezweige sind die Metallverarbeitung, die chemische Industrie sowie die Nahrungsmittel-, Textil-, Leder- und Konsumgüterindustrie. Für den Export werden außer Zitrusfrüchten, diversen Gemüsesorten und Wein vor allem Korkeichen angebaut. Ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig ist der Tourismus, der, ähnlich wie in Tunesien, etwa ein Drittel der Devisenerlöse erbringt. Der Handwerkssektor, der in beiden Ländern in der Tradition des orientalischen Handwerks steht, war zuletzt vor allem in Marokko rückläufig.
Die Metropolen zeigen in ihrer Größe und Verteilung die kolonialzeitliche und aktuelle Außenorientierung der nord- und westafrikanischen Wirtschaftsregionen. Trotz des Ausbaus der zentralörtlichen Systeme konnten die regionalen Ungleichgewichte innerhalb der Staaten kaum verringert werden. Die wichtigsten Handelspartner für viele afrikanische Staaten sind außer den EU-Ländern die USA, Indien und China. Einige Saaten wie Ägypten und der Sudan sind durch Wanderarbeiter auch mit den Erdölländern um den Persischen Golf verflochten. Der innerafrikanische Handel ist trotz regionaler Finanzzusammenschlüsse und regionaler Wirtschaftsgemeinschaften unterentwickelt.
B. Wiese

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