Afghanistan - Konfliktherd mit internationaler Militärpräsenz

Zentralsien

100750 | Seite 123 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 8.000.000
Afghanistan | Konfliktherd mit internationaler Militärpräsenz | Zentralsien | Karte 123/2

Informationen

Afghanistan ist ein ausgesprochener Vielvölkerstaat. Im Osten und Süden des Landes dominiert die Volksgruppe der Paschtunen, deren Siedlungsgebiete aber auch im Bereich westlich von Herat liegen und von Süden bis Kabul reichen. Im Nordosten des Landes, im Nordwesten um Herat und in einigen anderen Enklaven leben vor allem Tadschiken, während das zentralafghanische Hochland von Angehörigen der Hazara dominiert wird. Die nördlichen Landesteile zwischen Qala-e-Nau, Mazar-e-Sharif und Kundus sind von Ethnien bevölkert, deren Siedlungsgebiete hauptsächlich in mittelasiatischen Nachbarstaaten liegen. Während sich Turkmenen in Afghanistan unmittelbar im Grenzbereich niedergelassen haben, leben Usbeken südlich des Amudarja in verschiedenen Enklaven um Kundus sowie westlich von Masar-e-Sharif und um Maimanah.

Ethnische und politische Konflikte
Traditionell standen in Afghanistan schon immer Tadschiken und Paschtunen in Konkurrenz zueinander. Während die Tadschiken in der Vergangenheit und auch nach der offiziellen Niederschlagung des Taliban-Regimes eine privilegierte Stellung genossen, verstärkt sich neuerdings die innenpolitische Bedeutung der Paschtunen. Im Siedlungsgebiet der Paschtunen konzentrieren sich die meisten Militärbasen der ISAF-Schutztruppe, der britischen Streitkräfte und der US-Armee. Zugleich kommt es hier auch bis heute immer wieder zu Gefechten mit Taliban-Milizen — verstärkt im Raum um Kandahar, aber auch nördlich und südwestlich von Jalalabad. Die militärische Kontrolle des Paschtunen-Gebiets und eine Einbeziehung seiner Bevölkerung in die aktuellen Stabilisierungsbemühungen werden vor allem dadurch erschwert, dass eine Unterscheidung zwischen der Zivilbevölkerung und den Taliban-Kämpfern nicht immer gelingt. Die fast logischen Folgen sind ein zunehmender Vertrauensverlust in die internationalen Streitkräfte und wachsende Sympathie für die Sache der Taliban.
Erschwert werden die Stabilisierungsbemühungen im Osten und Südosten des Landes dadurch, dass sowohl die Kämpfer der Taliban-Milizen als auch die Anhänger von Al-Qaida-Gruppierungen im pakistanischen Grenzgebiet eine Rückzugsmöglichkeit finden. In den nordwestlichen "Stammesgebieten" von Pakistan verfügt der pakistanische Staat nur über sehr eingeschränkte Kontrollmöglichkeiten. Die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan verläuft hier quer durch das Siedlungsgebiet der Paschtunen in unwegsamem Berggelände nördlich und südlich des Khaiber-Passes, und noch heute befinden sich hier Lager von Flüchtlingen, die sich im Zuge der verschiedenen, seit fast drei Jahrzehnten anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan hierher zurückgezogen haben.

Internationaler Opiumhandel
Ein weiterer Destabilisierungsfaktor — neben der Konkurrenz zwischen den wichtigsten ethnischen Gruppen des Landes und dem aktuellen Konflikt zwischen den Taliban und der Zentralregierung — ist der internationale Opiumhandel, der mittlerweile über fest etablierte Strukturen zu verfügen scheint. Wichtige Anbauregionen für Schlafmohn befinden sich im Norden des Landes auf tadschikischem Siedlungsgebiet zwischen Kundus und Faisabad sowie auf paschtunischem Siedlungsgebiet um Jalalabad im Osten und den Flussoasengebieten bei Kandahar im Süden.
In Afghanistan werden mittlerweile mehr als 60 Prozent des weltweiten Schlafmohns produziert. Die wichtigsten Absatzmärkte für das aus Nordafghanistan stammende Rauschgift führen über die mittelasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, insbesondere Tadschikistan, während das in südafghanischen Drogenlaboren aus Opium hergestellte Heroin vornehmlich nach Iran exportiert wird. Iran ist von einem früheren Transitland längst zu einem Endverbraucherland für einen nicht geringen Teil der aus Afghanistan stammenden Drogen geworden.
A. Dittmann