Ägypten - Antike Stromkultur

Ein „Geschenk“ des Nils

978-3-14-100870-8 | Seite 183 | Abb. 4 | Maßstab 1 : 9.000.000
Ägypten | Antike Stromkultur | Ein „Geschenk“ des Nils | Karte 183/4

Überblick

Ägypten Antike Stromkultur (183.4)

Das Leben in Ägypten war in historischer Zeit durch die Lage am Nil und den Jahresgang seines Abflusses bestimmt. Siedlungen wurden entweder in der Stromoase oder im Nildelta errichtet. Nur am Nil gab es in einer ansonsten lebensfeindlichen Umgebung - 96 Prozent des heutigen Ägyptens sind Wüste und weitgehend menschenleer - ausreichend Wasser. Die Gebiete außerhalb des Niltals waren von einem Netz aus Karawanenwegen durchzogen. Sie kreuzten sich häufig in den wenigen Oasenorten. Insbesondere in den Gebirgen zwischen Nil und Rotem Meer wurden Baumaterialien (Granit, Porphyr, Sandstein, Alabaster), Erze (Kupfer, Gold) und Edelsteine gewonnen.

Zu beiden Seiten des Flusses entstand ein bis zu zehn Kilometer breiter Streifen Kulturland, der sich nur zum Delta hin weitete und bis heute zur Wüste hin scharf abgegrenzt ist (s. Foto). Der Nil hatte damals ein Abflussminimum in der ersten Jahreshälfte und eine Hochwasserwelle mit Scheitelpunkt im September, die vor allem Folge der sommerlichen Niederschläge am Oberlauf des Blauen Nils war (s. 182.1-2). Der Anbau auf dem Bewässerungsland begann, wenn das Abfließen des Hochwassers einsetzte und die Felder wieder trocken fielen.

Die mit dem Nilwasser angeschwemmten nährstoffreichen Feinsedimente (Lehm) und die im Boden enthaltene Feuchtigkeit ermöglichten in den Folgemonaten einen ertragreichen Ackerbau. Darüber hinaus wurden für die Bewässerung Speicherbecken genutzt, von denen aus das Wasser mit Schaduffs verteilt wurde (s. Bild 4 im Atlas). Um den Jahreswechsel herum konnte die Ernte eingebracht werden. Wie wichtig das Hochwasser für die Landwirtschaft des alten Ägyptens war, zeigt die Tatsache, dass der Anfang eines neuen Jahres im Juli lag - zu Beginn der Hochwasserwelle.

Diese über Jahrtausende praktizierte Anbauweise und die traditionellen Bewässerungsformen änderten sich erst, als die Kolonialherren im 19. Jahrhundert die Baumwolle als exportorientierte Sonderkultur etablierten. Etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte ein großes Stauwehr an der Stelle, wo sich der Nil bei El-Qanatir el-Khairiya in seine Deltaarme verzweigt, die Regulierung der Wasserverteilung im Nildelta und damit eine Umstellung von der saisonalen Becken- auf die ganzjährige Kanalbewässerung.

Im Mittellauf des Nil lagen insgesamt sechs Stromschnellen (Katarakte), die natürliche Hindernisse für die Schifffahrt bildeten. Die Grenzlinien der ägyptischen Reiche befanden sich jeweils in der Nähe dieser Katarakte. Am 1. Katarakt befindet sich heute der Staudamm von Assuan, der 2. Katarakt ist vom Nassersee überflutet.

Vieles deutet darauf hin, dass die Anpassung der frühen Niltalbewohner an die besonderen Bedingungen ihres Lebensraumes für die Ausdifferenzierung der Gesellschaft, das Entstehen eines Staatswesens und die Herausbildung einer ersten Hochkultur wesentlich verantwortlich waren. Ihre Spuren sind heute in den zahlreichen historischen Städten, Palästen und Grabanlagen entlang des Nils, zum Teil als UNESCO-Weltkulturerbestätten anerkannt, zu besichtigen - ein überaus wichtiger Faktor für das kulturelle Selbstverständnis Ägyptens und die Tourismuswirtschaft.

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