Carl Diercke: Lehrer, Visionär, Reformer
 

Vor 180 Jahren, am 15. September 1842, wurde der Mann geboren, dessen Name für die bis heute wohl bekannteste, sicher älteste originäre Titelmarke von Westermann steht: den Diercke Weltatlas.

Wie schaffte es der ausgebildete Volksschullehrer, dem die Mutter Abitur und  Studium verwehrt hatte, zu einer eindrucksvollen Karriere im Schuldienst und zu dem respektierten Bearbeiter eines Atlasses für höhere Schulen? Hier wie dort gaben standesbewusste Akademiker „in ihren Gefühlen der Superiorität“ – so Diercke –  den Ton an. Geschafft hat es Carl Diercke dank seines „nicht gewöhnlichen Grads an Tüchtigkeit“, so etwa der „großen Leichtigkeit“, sich in neue Fächer „hineinzuarbeiten“ oder seinem „großen Lehrgeschick“ und, nicht minder wichtig, seinem „dirigirenden Talent“ –  so steht es in Beurteilungen zwischen 1867 und 1874.

Diercke schloss das anspruchsvolle Berliner Stadtschullehrerseminar, ehemals die Wirkungsstätte Adolph Diesterwegs, mit Bestnote ab, war nebenbei Gasthörer an der Universität, gab selbst Latein, Französisch, Rechnen, Geometrie, Naturgeschichte und Chemie an Berliner Schulen, gehörte verschiedenen Prüfungskommissionen an, auch der für angehende Schulrektoren, und hatte „eine zeitlang die Ehre, Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin Luise Margarethe (Großnichte von Kaiser Wilhelm I, später Einheirat in die britische Königsfamilie) in einigen Fächern zu unterrichten“.

Das ist aber noch längst nicht alles: Der junge Lehrer, dessen Vorliebe den bisher stiefmütterlich behandelten naturwissenschaftlichen Fächern, den sogenannten Realien, galt, wurde an den Lehrplänen für die Reform der preußischen Volksschule und der Ausbildung ihrer Lehrer beteiligt. Dabei ging es u.a.  um die Stärkung eben der realistischen Fächer, darunter die Geographie,  gegenüber einer übermächtigen Religion und um die Professionalisierung der Lehrerschaft. Stures Ablesen oder gar Diktieren des Stoffes und mechanisches Auswendiglernen wurden verboten, dagegen ein anschaulicher Unterricht und das entwickelnde Gespräch mit den Kindern angestrebt. Dazu braucht es Fachkompetenz und neue Lehrmittel wie einen Atlas.     

Ab 1874 stand Diercke im Dienst der praktischen Um- und Durchsetzung der Volksschulreformen in Stade, Osnabrück und Schleswig. Auch ohne Studium stieg er auf zum Seminardirektor und Regierungs- und Schulrat, dessen Sachverstand im Berliner Kultusministerium  immer wieder gefragt war. Als Lehrer der Lehrer forderte Diercke, wohl auch von sich,  „bei allem Ernst in hohem Maße Energie, Freundlichkeit und Wohlwollen für die Zöglinge“.  Ein Lehrer „muß helfen und stützen und darf nicht immer tadeln, ist nachsichtig gegenüber den vielen Fehlern der jungen, unerfahrenen Schüler, ohne sie zu übersehen oder, was schlimmer ist – sie als Bosheitssünden anzusehen.“

Dazu passt die Erinnerung eines ehemaligen Schülers an eine Schulinspektion: „Wenn Schulrat Dierckes riesenhafte Gestalt das Schulzimmer betrat, dann bemächtigte sich nicht nur aller Schulkinder, sondern auch oftmals der Lehrer ein nicht gerade angenehmes Gefühl. Dabei konnte er ausgesprochen liebenswürdig sein. Jedes Können fand seine Anerkennung. Und es kam oft vor, daß Diercke einem Schüler bei guten Leistungen wohlwollend auf die Schulter klopfte. Das brachte nicht geringen Mut.“  Aber auch dem Herrn Direktor riss bei seinen 90 Seminaristen hin und wieder der Geduldsfaden. Bei aller „Großzügigkeit, die auch mal fünf gerade sein ließ“, konnte er „ zu gegebener Zeit auch wie ein Unwetter dreinfahren.“

Seine besondere Sorge galt der benachteiligten einklassigen Landschule mit ihren im Schnitt mehr als 80 Dorfkindern, die auf den Feldern mitarbeiten mussten und deshalb im Sommer weniger Unterricht erhielten. Und nun kommt Dierckes erste Arbeit an einem Atlas ins Spiel. Für das Kultusministerium hatte er ein Gutachten zu Volksschulatlanten verfasst, sich also in die Materie „hineingearbeitet“.

Ein Atlas von George Westermann war Diercke positiv aufgefallen und der Gutachter dem Verleger: Westermann gewann ihn 1875 als Mitarbeiter an einem preiswerten Atlas für seine „Sorgenkinder“ auf dem Land. Es wurde nur ein kurzes Intermezzo, da sich der Hauptbearbeiter gegen neue Ideen eines „Schulmeisters“ sperrte. Der Seminardirektor aber hatte endgültig die Geographie für sich entdeckt, sie war zu seinem „Lieblingsfach“ geworden.

Bevor der Verleger 1879  mit einem Atlasprojekt für die höhere Schule an Diercke herantrat, hatte dieser sich noch intensiver mit Kartenwerken für die Schule auseinandergesetzt und einen richtungsweisenden Anforderungskatalog formuliert. Und Diercke ergriff die Chance, als verantwortlicher Herausgeber und Bearbeiter eine neuartige Atlasgeneration zu schaffen, die wirklich den Bedürfnissen der Schule und entsprach.  

 

Literatur

Beermann, Georg: Carl Diercke. Sein Leben und Wirken in Stade. In : Festgabe für Hans Wohltmann. Stader Geschichts- und Heimatverein 1964

Bohmbach, Jürgen: Carl Diercke in Stade. Zur Benennung des „Carl-Diercke-Hauses“ und des „Diercke-Parks“. Hrsg. v. d. Stadt Stade, Stade 1987

Drebes, G./ Ritter, Falk: Der „Atlas“-Diercke und seine Familie in Schleswig und in der Südsee, Schleswig 2005

Kleinschmidt, Verena: Der Pädagoge und Schulgeograph Carl Diercke. In: Die Erde darstellen. 150 Jahre Schulatlas und Geographie, Braunschweig 1992